Buch über russische Besatzer-Gewalt sorgt für Ärger

5. Juni 2002, 15:53
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Heftige Reaktionen in Russland auf Passagen über Massenvergewaltigungen nach der Besetzung Berlins

Berlin - Der neue Bestseller des britischen Historikers Antony Beevor über das brutale Vorgehen sowjetischer Soldaten beim Fall Berlins 1945 hat in Russland Verärgerung ausgelöst. Der russische Botschafter in London, Grigori Karasin, bezeichnete "Berlin: The Downfall, 1945", in dem erstmals unter Bezug auf russische Quellen über Massenvergewaltigungen nicht nur deutscher Frauen berichtet wird, als Gotteslästerung und Verleumdung. In einem Reuters-Interview führte Beevor am Dienstag die heftigen russischen Reaktionen zum Teil darauf zurück, dass das Land im Gegensatz zum Kriegsverlierer Deutschland seine totalitäre Vergangenheit nicht aufgearbeitet habe.

Nachdem es ein Wirtschaftswunder erlebt habe, habe Deutschland sich mit seiner schrecklichen Nazi-Vergangenheit auseinander gesetzt. "Russland hat bisher kein Wirtschaftswunder erlebt und selbst wenn es eines hat, wird es eine ganze Zeit brauchen, die Dinge nüchterner zu sehen als im Heroismus des Großen Vaterländischen Krieges." Wer in wirtschaftlich schlechten Verhältnissen lebe, klammere sich an Momente großen Stolzes und weigere sich, Schattenseiten zu erkennen. Der Sieg der UdSSR über Nazi-Deutschland werde in Russland als möglicherweise einziger Teil der sowjetischen Geschichte betrachtet, auf den alle Russen stolz sein könnten. Der 9. Mai als Tag des Kriegsendes wird auch heute in Russland als Nationalfeiertag begangen. Die Sowjetunion hatte im Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren

Die Opferseite

Neben zwei Millionen deutschen Frauen, von denen die Hälfte Opfer von Massenvergewaltigungen wurde, vergingen sich den Forschungen Beevors zufolge Rotarmisten beim Vormarsch auf Berlin auch an Tausenden russischen, ukrainischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen. "Vom russischen Standpunkt aus gesehen ist für mich die schrecklichste Erkenntnis, dass sowjetische Soldaten junge Russinnen und Ukrainerinnen vergewaltigten. Das untergräbt jegliches Argument, die Rote Armee habe Vergeltung (für deutsche Gräueltaten) geübt", sagte Beevor. Als die Rote Armee Anfang Mai 1945 Berlin erreicht habe, hätten die Vergewaltigungen ein derartiges Ausmaß angenommen, dass Frauen als Freiwild behandelt worden seien.

An die Adresse seiner russischen Kritiker gewandt, sagte Beevor, sie hätten nicht erkannt, dass der Großteil seines Materials aus russischen Archiven stamme. Man könne ihm schwerlich vorwerfen, er verleumde oder reiße etwas aus dem Zusammenhang.

Aus der Relation

Die aus seiner Sicht zweifelsohne wichtige Schilderung der Vergewaltigungen hat Beevor zufolge möglicherweise mehr Aufmerksamkeit erregt als erhofft. In der Schlacht um Berlin waren nahezu 80.000 Rotarmisten gefallen und fast 250.000 verwundet worden. Es sei wichtig, die Leiden der sowjetischen Soldaten zu begreifen, die sowohl der Gewalt der Deutschen als auch ihrer eigenen Kommandeure unterworfen gewesen seien. Am traurigsten seien die Schlusskapitel. Die Überlebenden, die gehofft hätten, als Helden gefeiert zu werden, seien in ein Land mit schlechten Lebensbedingungen zurückgekehrt. (APA/Reuters)

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