USA gehen nach Anschlag auf Distanz zu Arafat

6. Juni 2002, 13:25
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US-Vermittlung gefährdet - "Islamischer Djihad" bekennt sich zu Attentat - Mindestens 16 Tote und vierzig Verletzte

Tel Aviv/Ramallah - Nur wenige Stunden nach dem Treffen des US-Geheimdienstchefs George Tenet mit Palästinenserchef Yassir Arafat in Ramallah hat am Mittwoch ein palästinensischer Selbstmordattentäter in Nordisrael mindestens 16 Personen mit sich in den Tod gerissen. Mehr als 40 wurden verletzt. Ein mit 50 Kilogramm Sprengstoff beladenes Auto wurde an einer Straßenkreuzung an einen vollbesetzten Bus herangefahren und in die Luft gesprengt.

CIA-Chef Tenet richtete nach dem Anschlag eine deutliche Warnung an Arafat: Sollte es weitere Selbstmordattentate geben, werde die US-Regierung nicht mehr eingreifen und dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon "freie Hand" lassen, sagte Tenet nach Angaben eines ranghohen palästinensischen Funktionärs. Laut israelischem Rundfunk will die palästinensische Führung alle Aktivisten des "Islamischen Djihad" festnehmen lassen. Dieser hat sich zu dem Anschlag bekannt

Neue Qualität

Überall halten die Israelis die Augen offen, damit Selbstmordterroristen nicht in Lokale und Autobusse eindringen - der gestrige Anschlag des "Islamischen Djihad" bei der Megiddo-Kreuzung auf einer viel befahrenen Landstraße in Nordisrael hatte von der Taktik und der damit verbundenen besonders großen Sprengladung her eine neue Qualität. Ein kleiner Lieferwagen fuhr dicht an einen öffentlichen Bus heran und explodierte, mindestens 16 Passagiere wurden getötet und rund 40 verletzt.

Während die Selbstmörder bei den unzähligen "herkömmlichen" Anschläge der letzten eineinhalb Jahre maximal 20 Kilo Sprengstoff am Leib tragen konnten, hatte das Auto vermutlich eine 50-Kilo-Bombe geladen - der Bus brannte völlig aus, die Zahl der Leichen konnte zunächst nicht eindeutig festgestellt werden. Die Linie 830 von Tel Aviv nach Tiberias wird in den frühen Morgenstunden speziell von Soldaten benützt.

Israel verlangt Reform der Palästinensischen Behörde

Verschiedenen Versionen und Spekulationen zufolge sollte der Anschlag die Dienstagnacht beendete Mission von CIA-Chef George Tenet torpedieren, das bevorstehende Treffen von US-Präsident George Bush mit dem ägyptischen Staatschef Hosni Mubarak belasten oder den gestrigen 35. Jahrestag des Beginns des Sechstagekriegs markieren. In Wahrheit werden die Anschläge offenbar nach Maßgabe der Möglichkeiten und nicht nach irgendeinem Terminkalender ausgeführt. Trotz der ständigen Vorstöße israelischer Truppen ins Autonomiegebiet besteht permanenter Terroralarm.

Prompt wurde in Israel wieder gefragt, ob härtere Schläge angebracht wären - etwa eine dauerhafte Besetzung palästinensischer Städte oder die Vertreibung von Autonomiechef Yassir Arafat. "Israel wird nicht stillhalten können und wird eine Operation überlegen müssen, um Katastrophen dieser Art zu verhindern", sagte Ministerin Limor Livnat, "wir fordern Reformen in der Palästinensischen Behörde, aber Reformen ohne Arafat, denn es ist völlig klar, dass es mit Arafat kein Abkommen geben und er den Terror nicht stoppen wird". Doch der palästinensische Minister Saeb Erekat forderte die Israelis auf, "mit den Schuldzuweisungen aufzuhören": Premier Ariel Sharon solle "heute in den Spiegel schauen, das ist das Ergebnis der Zerstörung der palästinensischen Sicherheitskräfte".

Die palästinensische Führung in Ramallah hat das "mörderische Attentat auf Zivilisten" in einer Erklärung "auf das Schärfste" verurteilt. Sharon-Berater Raanan Gissin deutete eine umfassende militärische Aktion an. Israelische Panzer rückten nach dem Anschlag in Jenin im Westjordanland ein, mit Operationen im Gazastreifen wurde gerechnet. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 6.6.2002)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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