Die Entdeckung Amerikas durch Staatssekretär Morak

6. Juni 2002, 13:59
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Oder: "Cultural Industries" - ein Fall für die Kulturpolitik

Warum der Appell, von den USA zu lernen, sich weniger an Kunst- und Kulturbetriebe als an das eigene Ressort richten sollte.

Von Michael Wimmer

(Der Autor dieses "Kommentars der Anderen" ist Musikpädagoge und Leiter des Österreichischen Kultur-Service (ÖKS) in Wien)


In New York gibt es ein bemerkenswertes Ensemble namens Orpheus Chamber Orchestra. Das Spannende und Interessante (nicht nur) an dieser Institution: Jedes seiner Mitglieder nützt seine anerkannte künstlerische Kompetenz mit großem Erfolg auch im wirtschaftlichen Bereich - zur Unternehmensberatung: "The Orpheus Process" nennt sich eine einzigartige Methode der Teambildung, die von Pharmafirmen ebenso in Anspruch genommen wird wie von Managementtrainingcentern, Spitälern oder Schulen. Ob musikalische "Erlebnisräume" für Kinder und Jugendliche, "Pyjamakonzerte" für Exzentriker oder "Rush Our Events" für Gestresste: Bei amerikanischen Orchesters stehen die Wünsche des Publikums immer im Mittelpunkt.

Hartnäckige Mythen

Kein Wunder also, dass es mittlerweile zum Standardrepertoire jeder kulturpolitischer Debatte gehört, die ein besseres Verhältnis von Kunst und Wirtschaft zum Ziel hat, auf die neuesten Entwicklungen in den USA hinzuweisen. Auch Staatssekretär Franz Morak hat jüngst staatlich (mit-)finanzierte Kunst- und Kulturbetriebe aufgefordert, sich an US-Schwesterorganisationen ein Beispiel zu nehmen. Unter dem Titel "Cultural Industries" müsse es auch in Österreich möglich sein, verstärkt private Mittel für den Kulturbetrieb zu lukrieren.

Bevor jedoch die angesprochenen Kulturbetriebe ihre zum Teil sehr frustrierenden Bemühungen in diese Richtung fortsetzen, wäre es vielleicht ratsam, einigen Besonderheiten US-amerikanischer Kulturpolitik Beachtung zu schenken. Zumal diese darauf hindeuten, dass nicht Österreichs Kunst- und Kultureinrichtungen bisher zu wenig getan haben, um die Wirtschaft für sich zu gewinnen, sondern dass vielmehr die spezifischen kulturpolitischen Rahmenbedingungen dieses Landes ein Zusammenwirken von Kunst und Wirtschaft massiv behindern.

Vorerst aber gilt es mit dem Vorurteil aufzuräumen, das da heißt, öffentliche Förderung spiele in den USA gegenüber privatem Engagement nur eine sehr geringe Rolle. Faktum ist: Auf nationaler Ebene (National Endwoments of Arts) werden mehr öffentliche Mittel für Kunst und Kultur zur Verfügung gestellt als auf vergleichbarer europäischer Ebene lukriert werden können; und auch die bundesstaatlichen Förderungen brauchen den Vergleich mit den österreichischen keineswegs zu scheuen. Allerdings werden sie, sehr zum Unterschied zur hiesigen Praxis, nach funktionalen Kriterien vergeben: etwa wenn es darum geht, unter Mitwirkung von Kunst- und Kulturbetrieben Stadtentwicklungs-, Beschäftigungs-, Integrations- oder Bildungsprobleme lösen zu helfen.

Faszinierend sind in diesem Zusammenhang jüngste Studien von Marc Schuster vom Cultural Policy Department der University of Chicago, die zum Ergebnis kommen, dass Staat und Privatwirtschaft in Bezug auf Kunst- und Kulturförderung keine kommunizierenden Gefäße darstellen. Stattdessen gibt es eindrucksvolle Belege dafür, dass ein Mehr an öffentlicher Förderung auch ein Mehr an privatem Engagement evoziert bzw. Einsparungen im öffentlichen Sektor auch private Quellen zum Versiegen bringen.

Als wichtigster Erfolgs-bzw. Misserfolgsfaktor aber erscheint nach wie vor die unterschiedliche steuerliche Behandlung von privaten Beiträgen zu Kunst und Kultur. Die Möglichkeit, in gewissem Umfang frei darüber entscheiden zu können, ob Steuern dem Finanzamt abgeliefert werden oder selbst gewählten sozialen oder kulturellen Initiativen zugute kommen, stellt einen beträchtlichen Anreiz für jeden Steuerzahler dar, sich kulturell zu engagieren. Wenn aber der Unternehmer stattdessen, wie zurzeit in Österreich, mit einer der höchsten Steuerquoten belastet ist, wird er sich das naturgemäß gut überlegen.

Bleibt darauf hinzuweisen, dass die meisten, auf privaten Stiftungen beruhenden Kultureinrichtungen in den USA bereits in ihrem Auftrag darauf verpflichtet werden, sich um ein für breite Bevölkerungsschichten attraktives Angebot zu bemühen - was sich mit privaten wirtschaftlichen Interessen deckt. Im Gegensatz dazu sind die meisten unserer staatlichen Kulturbetriebe nach wie vor von repräsentativen bzw. elitären Vorstellungen geprägt, die sich der Wirkung über den engen Kreis der Kunstkenner hinaus verweigern.

Hohle Phrase

Eine strategische Neuorientierung ist wohl nur durch Än- derung des diesbezüglichen öffentlichen Auftrags vorstell- bar. Möglicherweise war also der Zuruf des Kunststaatssekretärs an den Kulturbetrieb in erster Linie ein Aufruf an sich selbst. Zu viel deutet darauf hin, dass die Aufgabe, das Zusammenwirken von Kunst und Wirtschaft produktiver zu gestalten, nicht durch einen Blick nach Amerika gelöst werden kann, sondern nur dadurch, dass die kulturpolitischen Entscheidungsträger sich entschließen, an den ihnen anvertrauten Schalthebeln zu drehen.

Andernfalls bleibt die Rede über "Cultural Industries" in Österreich das, was sie zurzeit ist - eine hohle Phrase. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2002)

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