Ein Kindergarten mit der Adresse "Wald"

4. Juni 2002, 20:57
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Natur- und Sinneserfahrung im Waldkindergarten in Vorarlberg

Höchst - Vorarlbergs erster Waldkindergarten ist zwischen Bäumen und Büschen am Alten Rhein zu finden. Es handelt sich um ein Pilotprojekt der Kinderstube Höchst. Im Auwald haben die zwölf Mädchen und Buben ihr festes Revier zum Spielen und Entdecken. Begleitet auf ihrer täglichen Reise durch Wald und Sinne werden sie von Kindergärtnerin Christl Hackspiel und zwei Müttern.

"Zwergenhäuser"

Wie Zwergenvolk wuseln die Drei- bis Sechsjährigen hin und her. Es gibt für sie viel zu tun: Kleine Bäume, "aber nur tote", werden mit Säge und Taschenmesser gefällt, entrindet, zerschnitten. Das junge Waldvolk braucht Holzstecken zum Wandern, Material für Pfeil und Bogen oder für die "Zwergenhäuser". Es wird mit Eifer gegraben und erkundet. Wer müde geworden ist, sitzt eng an "die Christl", die Kindergärtnerin, gekuschelt im Wurzelbett einer Fichte und erholt sich von kindlicher Strapaze beim Vorlesen und Geschichtenerzählen.

Winter im Freien

"Weißt, wir sind jeeeden Tag da", erzählen Geli und Vera stolz. Auch wenn's regnet und schneit? "Jeden Tag ist jeden Tag", wird bestimmt beschieden. Und der Winter, der sei einfach super. "He, da haben wir jeden Tag Schneemänner gebaut und Schneeballschlachten gemacht", erinnern sich zwei lebhafte Buben.

Im "Waldkindi", so nennt sich diese Betreuungsinitiative, können die Kinder tun, was ihnen hinter Mauern oft verwehrt bleibt: sich nach Lust und Laune bewegen, sich und die Natur entdecken. In einer technisierten, digitalen Umwelt fehlten den Kindern oft die elementarsten Erfahrungen, sagt Christl Hackspiel. Beim Spiel im Wald können dagegen alle Sinne, aber auch das Sozialverhalten trainiert werden.

Die Idee, den von Spielzeug freien Kindergarten zu verwirklichen, ist im Wald leichter umzusetzen als in der Kinderstube, wo man dieses pädagogische Konzept seit 15 Jahren verfolgt. Die Betreuerinnen bringen in Rucksäcken oder Handkarren nur das Notwendigste mit. Werkzeug eben, Bücher, Jause, Verbandszeug, Wolle, Schnüre. Alle anderen Materialien bietet der Wald.

Dänische Idee

Die ersten Wald-Kindergärten wurden in Dänemark gegründet, fanden schnell Nachahmung in der deutschen Nachbarschaft. "Meist wurden sie aus der Not gegründet, weil weit und breit kein Kindergarten war", weiß Christl Hackspiel. Oder weil Raumnot herrschte, wie in der Kinderstube Höchst.

Finanziell getragen wird der erste Vorarlberger Waldkindergarten von einem Verein engagierter Eltern. Die Gemeinde und das Land finanzieren mit. (DER STANDARD, Printausgabe 05.06.2002)

Jutta Berger
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