Aids: Weltweit größte Lotterie um sündteure Medikamente

4. Juni 2002, 20:23
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Millionen Menschen sterben, weil sie keine Arzneien bekommen

Wien - Gro Harlem Brundtland, Vorsitzende der Weltgesundheitsorganisation, formulierte es so: "Medikamente gibt es im Norden, die Krankheit im Süden. Diese Ungleichheit darf nicht länger geduldet werden." Wird sie aber. In Industrieländern werden so gut wie alle Aidspatienten mit modernsten Arzneien auf Krankenkassenkosten behandelt. In Entwicklungsländern, wo sich Betroffene selbst versorgen müssen, kosten die Mittel das Dreißigfache des durchschnittlichen Monatslohnes, was für so gut wie alle Patienten unerschwinglich ist.

40 Millionen weltweit

Weltweit sind 40 Millionen Menschen mit HIV infiziert, 20 Millionen bereits an Aids gestorben. 90 Prozent davon in Entwicklungsländern, primär in Afrika. In Botswana etwa sind 35 Prozent der Gesamtbevölkerung infiziert - umgelegt auf Österreich hieße das: knapp 2,8 Millionen HIV-Positive. Doch in Industriestaaten stellt Aids ein vergleichsweise geringes Problem dar, rund 0,2 Prozent der Bevölkerung sind hier infiziert. Bisher sind in Österreich 2155 Menschen an Aids erkrankt, 1306 gestorben. Durch neue Medikamente konnte die Lebenserwartung von Erkrankten um viele Jahre verlängert werden. In den am meisten betroffenen Ländern hingegen ist die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung wegen Aids drastisch gesunken. Auf Haiti beispielsweise von 61 auf 48 Jahre.

Südafrika

The Star wirbt mit einem Sarg. Wer das Blatt abonniert, bekommt die eigene Beerdigung oder die von Familienangehörigen bezahlt. Durch die steigende Zahl an Aidstoten werden für viele Familien allein die Bestattungskosten zu einem ernsten finanziellen Problem.

Guatemala

Aidskranke versammeln sich im Warteraum der Luis-Angel-García-Klinik zu einer Lotterie. Hauptpreis: eine Jahresdosis an Aidsmedikamenten im Wert von 15.000 Euro, was sich keiner der Teilnehmer jemals leisten könnte.

Kenia

Christopher Ouma, Mitglied von Ärzte ohne Grenzen, schildert den Spitalsalltag: "Wenn ich HIV diagnostiziere, muss ich der Familie des Patienten raten, Geld für die Beerdigung zu sparen - Medikamente sind zu teuer, dass es welche gibt, sag' ich gar nicht."

Selbst wenn der Patentschutz umgangen werden kann, die Mittel über Zwangslizenzen billiger produziert werden, bleibt ein Problem: Die Arzneien verzögern nur den Zusammenbruch des Immunsystems. An Aids selbst stirbt niemand, die Patienten sterben an zusätzlichen Infektionen. Etwa an Meningitis-Pilzen. Wer die einmal hat, muss Zeit seines Lebens täglich Gegenmittel schlucken. Jährliche Kosten: 7665 Euro. (fei/DER STANDARD, Printausgabe 05.06.2002) Lesen Sie morgen über Tuberkulose.

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