"Walsers Roman ist nicht antisemitisch"

4. Juni 2002, 21:20
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Ulla Berkéwicz überlässt die Entscheidung über die Veröffentlichung dem Verlag

Frankfurt - Beim Suhrkamp Verlag waren am Dienstag permanent die Telefonleitungen blockiert. Die Gerüchte kursierten. Auguren meinten, der Verlag werde angesichts der Frage, ob Martin Walsers skandalisierter Roman Tod eines Kritikers veröffentlicht werden soll, zerbrechen. Und in der Tat dürften Lektoren und Autoren hinter verschlossenen Türen heftig gestritten haben. Von einer Entscheidung, für heute, Mittwoch avisiert, war daher nichts in Erfahrung zu bringen.

Ulla Berkéwicz - die Ehefrau des erkrankten Verlagschefs Siegfried Unseld sitzt im Vorstand des Stiftungsrates - sagte aber in einem Interview mit dem NDR, die Entscheidung müsse allein der Verlag treffen, sie werde diese akzeptieren. Sie halte aber das Buch für nicht antisemitisch.

Man ging daher zuletzt davon aus, dass sich Verlagsleiter Günter Berg, der Walser gegen die Vorwürfe von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher verteidigt hatte, zur Herausgabe durchringen wird. Zumal Unseld einen Vertrag mit Walser abschloss.

Joachim Kaiser kommt in seiner durchaus positiven Kritik in der Süddeutschen Zeitung von Mittwoch zu einem eindeutigen Schluss: Man könne das Pamphlet kritisieren, aber man dürfe es nicht aus dem Verlag verstoßen. Die Zeiten solcher Säuberungen seien vorbei. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2002)

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