Ein Pessachfest in den Wirren der NS-Zeit

4. Juni 2002, 22:52
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Niederlande restituieren im Raubkunstfall Berl

Wien - Nach Ende des Zweiten Weltkriegs errichtete die US Army in München eine Sammelstelle für die Abertausenden Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten in Europa geraubt worden waren. Doch nicht immer dürften die Objekte an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgestellt worden sein: Das Bildnis Wally von Egon Schiele, weiterhin in New York beschlagnahmt, wurde bekanntlich falsch restituiert - an Robert Rieger.

Und Jean Vlug, entsandt von den Niederlanden, requirierte unter anderem ein Bild von Joachim Beuckelaer, das seit Jahren im Bonnenfanten Museum von Maastricht hängt. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Das Königreich erkannte nun die Ansprüche der Eigentümer an und wird das Gemälde zurückgeben.

Das Bild - es stellt ein Pessachfest dar - hatte einst dem Großindustriellen Rudolf Berl gehört. Sein Schicksal und das seiner Kunstsammlung ist ein prototypisch österreichisch-jüdisches. Denn Berl, dessen Schwiegervater der Koch des Kaisers gewesen war, weilte am 25. Juli 1934 im Kanzleramt, um über eine Lieferung Stiefel an das Heer zu verhandeln. Und wurde kurzfristig arrestiert. Weil er unter Verdacht stand, Engelbert Dollfuß ermordet zu haben.

Nach Hitlers Einmarsch ließ Berl über den Ost-India-Importeur Joop Thole seine Kunstwerke nach Amsterdam transportieren: Er hatte die Ausfuhrgenehmigung erhalten, gesperrt wurden nur die fünf wertvollsten Kleinplastiken. Zwei stammten von Giovanni Lorenzo Bernini und waren 1936/37 im Kunsthistorischen Museum ausgestellt.

Ein Vertrauensmann deponierte die Sammlung mit vielen weiteren Bozzettis, einem kleinen Aquarell von Franz Alt und eben dem Pessachfest schließlich beim Kunsthändler Leopold Ulrix in Brüssel. Berl selbst floh mit seiner Familie über Nordafrika in die Karibik - bei Martinique wurde das Schiff gekapert; man kam schließlich nach Trinidad und erst 1941 in die USA.

Die Kunstwerke blieben nach dem Krieg unauffindbar. Denn Ulrix - er sollte ob seiner Kollaborationen schließlich Selbstmord begehen - hatte sie kurzerhand an die NS-"Dienststelle Mühlmann" verkauft, und so gelangte das Pessachfest in die Kunstsammlung von Hermann Göring. Natürlich christianisiert - es hieß nun Osterfest.

1967 entdeckte die Witwe nach Rudolf Berl das Bild in einem Bericht des Fernsehsenders NBC. Doch die Geschichte schlief ein. Erst 1999, nach der Ankündigung Österreichs, "reinen Tisch" machen zu wollen, wandte sich die Familie an das Bundesdenkmalamt. Es half mit, den Fall aufzuklären. Von den beiden Bernini-Statuen aber fehlt nach wie vor jede Spur.(Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2002)

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