Der Heros mit den amputierten Beinen

6. Juni 2002, 19:31
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Ein kultureller Lokalaugenschein aus Anlass des "Polnischen Jahres in Österreich"

Grafik: Archiv
Mit verständlicher Beharrlichkeit schweigt man im EU-Bewerberland Polen die kommunistische Vergangenheit tot - und errichtet zügig die Eckpfeiler einer neuen, europäischen Identität. Ein kultureller Lokalaugenschein von Ronald Pohl aus Anlass des "Polnischen Jahres in Österreich".


Warschau - Der polnische Staat ist eine vergleichsweise junge Einrichtung: Im ungesicherten Bestand seiner Grenzen, im wiederholten Niedertreten seiner Identität gründet auch seine beispiellose Modernisierungswut.

Heute rauschen wachsglänzende Autokolonnen durch Warschau, das mit seinen schnurgeraden Boulevards einem elektrifizierten Durchhaus gleicht. Zwischen den ungeliebten Überresten realsozialistischer Bauwut, allen voran Stalins prächtig erigiertem Kulturpalast im Zentrum, toben sich die importierten Bauvögte des Architektur-Jetsets raumfüllend aus.

Kein leer gefegter Platz ist vor den Glasschatullen eines Norman Foster sicher. Mit aufreizend großer Geste steckt das EU-Bewerbungsland Polen alle Mittel in die Errichtung von zylindrischen Einkaufszentren, für deren Benutzung zwei Dritteln der rund 38 Millionen Polen die Kaufkraft fehlt. Mit dem Beitritt zur Union 2004 soll es Pirogi vom Himmel regnen. Die Verwalter der symbolischen Besitzstände Polens sind vorsichtiger, aber der Aufbruchsstimmung kann sich keiner guten Gewissens entziehen.

Kulturarbeiter wie die Beschäftigten des Adam-Mickiewicz-Institutes, das die Ausrichtung des "Polnischen Jahres in Österreich 2002" besorgt, breiten die kulturellen Besitzstände vor ihren Gästen wahllos aus: Keine Strömung in der Geschichte der Moderne, kein Trend und kein Dogma, die nicht an den Ufern der Weichsel Propheten und Überzeugungsmitläufer hervorgebracht hätten.

Ein dringend gebotener Pflichtbesuch im Warschauer Nationalmuseum, das in seiner sandfarbenen Pracht viel dem italienischen Futurismus verdankt, gleicht einem faszinierenden Gang durch eine Rumpelkammer der Moderne.

Tradition im Wandel

Viel interessanter aber als die nachholende Sammelwut der Kustoden wirkt die Trümmerlandschaft einer nur spirituell zu verstehenden Nationalideologie. Auf dem Gang des Museums, wo die minderen Produkte ihre Zwischenlagerung erfahren, steht ein Bronzeabguss von Marschall Pilsudski. Der trieb in den 20ern des vorigen Jahrhunderts die Kosaken vor sich her. Heute hat man ihm die Beine abgesägt, und der Rumpf des Helden scheint um seine Größe betrogen.
Von solchen Luft- und Sinnlöchern zehrt das polnische Selbstwertgefühl. Mit eineinhalb Millionen Euro soll den österreichischen Kulturkonsumenten der polnische Reichtum an symbolischen Besitztümern schlagend vor Augen geführt werden.

Das Mickiewicz-Institut ging aus dem Buchmessen-schwerpunkt anno '00 als Betriebsstandort hervor. Dort starrt man besorgt auf einen Wetterfrosch namens "Eurobarometer", und der hüpft in der notorisch erweiterungs-
ängstlichen Alpenrepublik auf der untersten Sprosse herum. Weitere rund eineinhalb Millionen Euro werden durch die Kooperation mit österreichischen Einrichtungen lukriert. Jetzt muss sich die Welt noch für diese Anstrengungen interessieren.

Mit glühenden Augen erzählt Dorota Monkiewicz von der von ihr kuratierten Ausstellung Semiotische Landschaft, die bei den Wiener Galerien Hilger und Charim ab 27. Juni zu sehen ist. Hinter ihrem Rücken, im Direktionszimmer des Nationalmuseums, stehen die Buchrücken stockfleckiger Voltaire-Ausgaben. Frau Monkiewicz möchte im postkommunistischen Polen mithilfe der schönen Künste wieder Relevanz erzeugen. Zugleich rümpfe die Warschauer Presse über Einheimisches die Nase: "Lauter Kommuniqués, aber keine Kunstwerke!", rausche es im Blätterwald.

Jetzt hat sie sich aus dem semiotischen Inventar des Umberto Eco das Unendlichkeitszeichen ausgeborgt. Man müsse beginnen, sagt Frau Monkiewicz, Kunstwerke wie Zeichen zu lesen. Zeichen sind nackt. Sie würden von den jungen Künstlern heutzutage konsumiert, aber nicht gekannt. Jetzt stehen die gestisch gefrorenen Leiber Edgar Honetschlegers neben dem Körperalphabet der Polin Zofia Kulik. Die Weltsprache der Kunst schert sich um Polens leidvolle Geschichte keinen Deut. Sie produziert, was im Netzwerk kuratorischer Anstrengung so hängen bleibt.

In Krakau, wo das traditionsbewusste Flair einer vom Zahn der Zeit gemächlich angenagten Bundesländerhauptstadt herrscht, konzentriert sich Polens ganze Pracht: sein literarisches Wir-Gefühl. Es äußert sich bevorzugt in Gedichten. Die zurückgezogen lebende Literaturnobelpreisträgerin Wyslawa Szymborska könne man in der Stadt antreffen, erzählt Albrecht Lempp, Literaturchef des Mickiewicz-Instituts. Aber sie melde sich niemals öffentlich zu Wort.

Vom Balkon der Renaissancevilla Dezius, des Hauptsitzes der deutsch-polnischen Literaturpflege, blickt Lempp auf einen herrschaftlichen Park hinunter. Das Mahlgeräusch einer Kreissäge stört die Ruhe. Vor kurzem konnte man der Prosakünstlerin Magdalena Tulli in Innsbruck und Linz lauschen. Ein Auftritt des Satirikers Slawomir Mrozek musste abgesagt werden: Schlaganfall.

Irgendwann heuer werden an den Schönbrunner Zoo zwei polnische Wisente ausgehändigt. Am 14. September wird ein Festzug durch Wien abgehalten: im Gedenken an König Sobieski, der 1683 Wien entsetzte. Die Ausstellung Schatzkammer Polen läuft ab 11. Oktober im Wiener Kunsthistorischen Museum.

Über Warschaus Straßen steht allabendlich das milchige Licht seiner gelben Laternen. Warschau könnte das Paris des Ostens werden. Derweil müssen es seine Vertreter bis nach Wien schaffen.(DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2002)

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