Tirol ist am Ende des Weges angelangt

4. Juni 2002, 20:20
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Nach wochenlangen Erhebungen hat sich das Finanzdebakel des Fußballmeisters FC Tirol endgültig zum Kriminalfall ausgewachsen

Innsbruck - Vom "Ende des FC Tirol in der bestehenden Struktur" spricht Wolfgang Mader vom Hauptsponsor Tiroler Wasserkraft und Sportlandesrat Günther Platter meint: "Ein Neustart wird notwendig sein." Jedenfalls ohne Mittel des Landes versichert Platter, aber mit sonstiger Unterstützung, weil schon bald wieder Spitzenfußball in Tirol geboten werden soll.

Das kolportierte Finanzloch von zumindest 17 Mio. EURO kann und will niemand mehr stopfen, und der Punkt, an dem ein Ende mit Schrecken als Erlösung betrachtet wird, scheint erreicht - auch wenn Mittelfeldspieler Roland Kirchler in einer ersten Reaktion von der "schlimmsten Meldung, die ich je gehört habe" spricht.

Am Tag der Verhaftung von Manager Robert Hochstaffl und einen Tag nachdem Radoslav Gilewicz das sinkende Schiff ablösefrei in Richtung Austria Wien verlassen hatte, sprach in Tirol niemand mehr von der Qualifikation zur Champions League. Sollte der FC Tirol überhaupt noch einmal ins Tivolistadion einlaufen, dann wird das wohl in der Regionalliga West sein.

Trainer Joachim Löw hat den für heute Mittwoch angesetzten Trainingsbeginn auf "unbestimmte Zeit" verschoben, Gleiches gilt für anstehende Vertragsverhandlungen, beispielsweise mit Defensivspieler Stefan Marasek.

"Die durchgeführten Erhebungen haben ergeben, dass Hochstaffl verdächtig ist des schweren Betruges, der Untreue, der grob fahrlässigen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen, der Nichtabführung von Dienstnehmerbeiträgen und der Abgaben-hinterziehung", fasst der Leitende Staatsanwalt Rudolf Koll die Vorwürfe gegen den Klubmanager zusammen. Dienstagfrüh wurde Hochstaffl in seinem Haus in Mils bei Hall verhaftet, weil - so Koll - die Gefahr bestehe, dass "er noch mehr auf die Seite räumt". Unter anderem ist von fünf gefälschten Schecks die Rede, mit denen Hochstaffl 290.691 EURO vom Klubkonto abgezogen haben soll, verdächtigt wird er auch, "zumindest 4,5 Millionen EURO" in seine Firma Global transferiert zu haben.

Weder der frühere, noch der jetzige Vereinspräsident Martin Kerscher und Othmar Bruckmüller waren am Dienstag zur Stellungnahme erreichbar, wohl nicht zuletzt deshalb, weil auch gegen sie gerichtliche Vorerhebungen mit massiven Vorwürfen (wegen "grob fahrlässiger Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen") im Gange sind.

Erich Redolfi von der Finanzlandesdirektion Innsbruck will keine Details nennen und spricht von Abgabenhinterziehung jenseits der Eine-Million-Schilling-Grenze (72.600 EURO). Präziser äußert sich der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK), Heinz Öhler. Derzeit stünden 400.000 EURO an Sozialversicherungsbeiträgen seitens des FC Tirol aus, liegt bis Montag kein schlüssiges Zahlungskonzept vor, werde die TGKK ein Konkursverfahren einleiten. (hs, DER STANDARD-Printausgabe 5.6. 2002)

KOPF DES TAGES

Robert Hochstaffl

Tirols Chaos wuchs stetig

  • Im Mai 2000 will der Klub an die Börse gehen, wenn Präse Kerscher ihn entschuldet und in eine Spielbetriebs-GesmbH umgewandelt hat.
  • Im August 2000 hofft man vergeblich auf die Champions-League-Qua-li gegen Valencia und rund 4,5 Mio. Franken.
  • September 2001: Schuldenstand angeblich 120 Millionen Schilling, man erwartet einen Kredit (Parker Leasing, US) von 15 Millionen Dollar.
  • Ende September 2001: Präsident Kerscher im Magazin Echo: "Die Scheiße ist am Kochen."
  • Oktober '01: Vize Bruckmüller wird Präsident, Jara scheitert in der UCL-Quali, zehn Mio. S Kreditanzahlung futsch.
  • März '02: 1,5 Millionen Euro werden sofort benötigt, Schulden: 13 Mio. EURO.
  • April '02: Raiffeisen schießt 700.000 EURO zu, die Spieler erhalten Geld.
  • April '02: Laut Kreditschutzverband ist der FC Tirol insolvent.
  • Ende April '02: Lizenz mit Auflage, bis Ende Mai 4,5 Mio. EURO aufzutreiben.
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