Der Reim auf die Politik

9. Juni 2002, 17:58
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"Krone: Tag für Tag ein Boulevardstück", ein TV-Dokumentarfilm der Belgierin Nathalie Borgers, liefert brisante Innenansichten aus Österreichs mächtigster Tageszeitung - und zeigt das Nahverhältnis heimischer Politiker zu ihr auf.

"Das Einzige, was mein Gewissen belastet, ist das Horoskop." Der Herausgeber und Chefredakteur der Kronen Zeitung, Hans Dichand, hat es nicht so sehr mit den Sternen:"Daran glaube ich nicht." Aber es sei eben wichtig, den Lesern nahe zu sein, manchmalgar eine Nasenlänge voraus. Dafür fahrt man auch mal ins Burgenland, um sich dort mitLandeshauptmann Hans Niessl und Vierbeinern im Zeichen der Tierliebe ablichten zu lassen.

Zitat und Ausflug finden sich in der Dokumentation "Krone: Tag für Tag ein Boulevardstück" der belgischen Regisseurin Nathalie Borgers -eine internationale Koproduktion, die unter anderem mit österreichischer Beteiligung(Navigator-Film) finanziert wurde. Vergangenen Donnerstag war sie im belgischenFernsehen bereits zu sehen, und Dichand, der über alle Phasen der Produktion informiert war, verlautbarte plötzlich, es sei "unfassbar", dass der Film öffentliche Förderungen bekommen habe.Es ist der unverfrorene, noch nicht abgestumpfte Blick von außen, der dem Film zu Einsichten in den Redaktionsalltag verhilft, ein Maß an Selbstdarstellung der Porträtierten zulässt: Ein Streifzug durch die Ressorts, von der "Erörterung" der afghanischen Flüchtlingsfrage bis zur Wahl des Fotos "Finanzminister Grasser streichelt Hund" - das dann noch von höchster Stelleabgesegnet werden muss -, präsentiert in bester Direct Cinema-Manier, wie ungeniert diese Zeitung Politik zum Spektakel erhebt.

Der Off-Kommentar bleibt sachlich, Interviews mit Krone-Kritikern wie Heide Schmidt oder Erhard Busek weisen in Richtung Verquickung von Politik und Medienmacht. Dafür erhält mandann Beispiele, die für sich selbst sprechen: wenn Innenpolitik-Redakteur Dieter Kindermann mit Justizminister Böhmdorfer im Segelflieger posiert, oder Bundespräsidenten Klestil Dichand eine Audienz gewährt, bei Gugelhupf, "zum Wohle des Landes". Zurück in der Redaktion, erteilt man mitunter "scharfe Ordnungsrufe" (Kurt Seinitz,Außenpolitik), schließlich verteidige man bestimmte Werte - der in Ungnade gefallene Bundeskanzler Schüssel etwa "müsste nur seine Politik ändern". (Dichand).Die schwarz-blaue Wende war es wiederum, die Borgers überhaupt erst bewog, dieKrone ins Auge zu fassen.

Im Kontext der filmischen Auseinandersetzungen mit demRegierungswechsel gleicht dieser Film einem Missing Link - man darf darauf hoffen,dass er bald (auch) im ORF läuft. Abonnenten von Premiere oder UPC digital sehen ihn ab Freitag, 19 Uhr: mehrere Termine auf Planet-TV. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2002)

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