Michel Friedman hat noch nie einen Konflikt gescheut

4. Juni 2002, 14:06
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Zentralrats-Vize sieht "demokratischen Grundkonsens" in Gefahr

Berlin - Michel Friedman wird nicht müde, den Finger in die offene Wunde zu legen: "Die politische Dimension des Konflikts ist nach wie vor nicht bewältigt", meinte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nach den wiederholten Versuchen der FDP, den Antisemitismus-Streit beizulegen. Seit Wochen streitet Friedman, der zugleich Talkmaster, Politiker und Verbandsfunktionär ist, gegen die antisemitischen Tendenzen an, die er in den Eskapaden von FDP-Vize Jürgen Möllemann erkennt. Seine Bereitschaft zum kontroversen Disput kommt nicht von ungefähr: Konflikte hat der 46-jährige Jurist noch nie gescheut.

Friedman wurde am 25. Februar 1956 in Paris geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern, die 1944 auf "Schindlers Liste" aus Auschwitz gerettet worden waren, ging er 1966 nach Deutschland. In Frankfurt nahm er eine Tätigkeit als Rechtsanwalt auf, in den 80er Jahren wurde er zudem politisch aktiv. 1983 trat er in die hessische CDU ein, für die er zwei Jahre später in die Stadtverordnetenversammlung der Mainmetropole gewählt wurde. 1994 schaffte er den Sprung in den Bundesvorstand der CDU, zwei Jahre später verpasste er aber den Wiedereinzug in das Führungsgremium der Christdemokraten.

Eigensinn

In der Politik bewies Michel Friedman immer wieder Eigensinn: Er attackierte Altkanzler Helmut Kohl (CDU) wegen dessen These von der "Gnade der späten Geburt". Und als er erfuhr, dass die hessische CDU ihre Schwarzgelder als Vermögen jüdischer Mitbürger deklariert hatte, wechselte der Zentralrats-Vize aus Protest in die saarländische Landespartei. Auch die Nähe zu anderen Parteien fürchtet Michel Friedman nicht: Als Gast war er beim SPD-Parteitag am Wochenende mit von der Partie, bei dem Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) die FDP wegen des Antisemitismus-Streits attackierte.

Bekannt wurde Friedman vor allem durch seine Moderatorentätigkeit in der Talkshow "Vorsicht Friedman" beim Hessischen Rundfunk und einer nach ihm benannten ARD-Reihe. Der in der Presse als "lustvoller Provokateur" gefeierte Moderator zeichnet sich durch einen hartnäckigen Fragestil aus, mit dem er seine Gäste nicht selten in die Enge treibt.

Auch wenn Michel Friedman die Rolle tauscht und vom Interviewer zum Interviewten wird, geht er nicht zimperlich um mit seinem Gegenüber. Im Streit mit Möllemann, der dem Zentralrats-Vize die Förderung des Antisemitismus vorgeworfen hatte, forderte er seinerseits die Entmachtung des FDP-Vize. Eindringlich machte er deutlich, dass durch eine Instrumentalisierung antisemitischer Tendenzen in der Gesellschaft der "demokratische Grundkonsens" in der bundesdeutschen Gesellschaft aufgekündigt werde.

Friedman wird wohl auch in Zukunft Grund genug haben, sich in der Antisemitismus-Debatte zu Wort zu melden. Denn FDP-Chef Guido Westerwelle hat seinen Stellvertreter Möllemann am Montag erneut in Schutz genommen, und das dürfte Friedman kaum gefallen. (APA)

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