Serbischer Ex-Präsident Stambolic seit 685 Tagen verschwunden

4. Juni 2002, 13:46
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Ehemaliger Mentor von Milosevic wahrscheinlich ermordet - Justiz gesteht Machtlosigkeit ein

Belgrad - Seit 685 Tagen erscheint die Belgrader Tageszeitung "Danas" täglich mit dem Foto eines Mannes und der Frage: "Wo ist Ivan Stambolic?". Seit bald zwei Jahren ist der frühere serbische Präsident spurlos verschwunden. Der ehemalige Mentor seines Nachfolgers Slobodan Milosevic war am 24. August 2000 in der Nähe seines Wohnhauses im Belgrader Stadtteil Kosutnjak entführt worden. In einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung räumte die Belgrader Staatsanwaltschaft nun erstmals öffentlich ein, dass ihre Ermittlungen bisher ergebnislos geblieben seien.

Bisher sei es nicht gelungen, brauchbare Information, Angaben oder Beweise für eine Aufklärung der Entführung von Stambolic aufzutreiben, teilte die Kreisstaatsanwaltschaft mit. Der heutige Ministerpräsident Serbiens, Zoran Djindjic, hatte bei seinem Amtsantritt im Jänner vergangenen Jahres die rasche Aufklärung des Falls versprochen. Ohne Erfolg, wie die Behörde nun einräumte.

Spekulationen

Um die Entführung von Stambolic ranken sich seit jeher zahlreiche Spekulationen. Das Kidnapping erfolgte zu einem Zeitpunkt, als Gerüchte über eine mögliche Kandidatur von Stambolic bei den damals bevorstehenden Wahlen des jugoslawischen Präsidenten für das Oppositionsbündnis DOS kursierten. Mehrere Zeugen berichteten mittlerweile, dass Stambolic ermordet und entweder am Boden der Donau oder in eine Brücke in Beton eingegossen worden sei.

Hinter der Tat sollen entweder Milosevic oder seine Frau Mira Markovic stehen. Stambolic, der ehemalige Chef der serbischen Kommunisten, war in den achtziger Jahren der größte politische Förderer des jungen Milosevic, bis dieser ihn 1987 in einem Putsch kaltstellte und seinen Posten übernahm. Damals kam es zum Bruch zwischen den einstigen Weggefährten. Ein Zerwürfnis, das für einen der beiden Beteiligten wahrscheinlich tödlich endet, während der andere heute im Gefängnis des UNO-Krigsverbrechertribunals sitzt. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bild aus besseren Tagen: Ivan Stambolic mit seinem Nachfolger Slobodan Milosevic

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