"Eine Sauerei ist das mit dem Toni"

5. Juni 2002, 12:09
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Die Kärntner SP-Basis zeigt sich nach dem erzwungenen Leikam-Rücktritt empört über die Bundes-SPÖ

Klagenfurt - Die Kärntner SPÖ fühlt sich in der Causa Leikam offensichtlich übergangen. Die Spitze der Bundespartei habe diese "von der ersten Minute an zur eigenen Sache gemacht", sagte Landesvorsitzender LHStv. Peter Ambrozy am Mittwoch in Klagenfurt vor Journalisten. Daher sei die Sache auch von ihr zu verantworten, fügte er hinzu.

Er habe Bundesvorsitzenden Alfred Gusenbauer empfohlen, den Vorfall "auf Bezirks- und Landesebene abzuhandeln". Doch dieser habe ihn zur "Chefsache" erhoben. "Mit der Aussage von Bundesgeschäftsführerin Doris Bures (Sie hatte den Abgeordneten Anton Leikam nach dessen Verkehrsunfall im alkoholisierten Zustand am 25. Mai als Erste zum Rücktritt auch vom Mandat aufgefordert - Anm.) wurde uns jeder Handlungsspielraum genommen", sagte Ambrozy-. Der Bundesführung warf er vor, "nicht alle Kommunikationsschienen ausgenützt" zu haben.

Den Vorwurf der "Gefühlskälte", den Leikam gegenüber Gusenbauer erhoben hatte, wollte Ambrozy nicht teilen. "Ich empfinde es nicht so", sagte er. Aber Leikam habe aus der persönlichen Betroffenheit heraus ein "anderes Empfinden". "Es mag sein, dass zu wenig auf seine Gemütssituation eingegangen wurde", fügte der Kärntner SPÖ-Chef hinzu.

Von Leikam sei es richtig gewesen, von sich aus alle Konsequenzen gezogen zu haben. "Sonst hätte es keine Ruhe gegeben", sagte Ambrozy. Er bezeichnete Leikam als "sehr volksnahen Politiker, der viel für die Partei getan hat".

Zum Vorwurf der "Schwäche der Landespartei gegenüber Wien" sagte Ambrozy, dieser sei "nicht an mein Ohr gedrungen". "Wir werden nicht schlechter behandelt als andere Länderorganisationen", fügte er hinzu und kündigte ein Gespräch mit Gusenbauer an.

Die Basis ist empört

"Eine Sauerei ist das mit dem Toni, jawohl. Da rennt einer vierzig Jahr' für die Partei, dann wird er von den Wedeln aus Wien einfach kalt abserviert." Der Friesacher SPÖ-Bürgermeister Max Koschitz hält mit seiner Meinung über den "erzwungenen" Rücktritt von Alkolenker Anton Leikam nicht hinterm Berg. Den Gusenbauer, ja, den hat er "aufgeschrieben: Der kann so g'scheit daherreden, wie er will. Aufs Volk musst hören. So wie der Toni." Und ein "bissl Menschlichkeit", das braucht die Politik - zwei Promille hin oder her. "Dem Toni sein Pech. Er ist halt "derwischt worden." Aber gleich seinen Kopf fordern?

So wie er denken an der Kärntner SPÖ-Basis viele. Quer durch die Bezirke machen empörte Funktionäre ihrem Ärger Luft. Ganze Ortsorganisationen drohen geschlossen mit Parteiaustritt, berichtet Bezirkssekretär Dietmar Mitteregger: "Der Toni war halt sehr beliebt. "

Eine Gruppe freigestellter Betriebsräte hat einen geharnischten Brief nach Wien geschickt. Wo komme man denn da hin, wenn die Entscheidung einer Bezirksorganisation nichts mehr gelte. Franz Trebuch, Altobmann des Kärntner Sängerbundes und wackerer Mitstreiter in feuchtfröhlichen Runden, hat seinem "Freund" Leikam geraten, ja nicht klein beizugeben. Jetzt ist er "erschüttert" über die "Wiener Instinktlosigkeit", ebenso wie die einfache Parteisoldatin aus Wölfnitz, die "jetzt den Fernseher abdreht, wenn der Gusenbauer herausschaut".

Als Leikams Nachfolgerin im Parlament war Weltklasse-läuferin (und Listen-Übernächste) Stephanie Graf im Gespräch. Sie hat aber bereits abgewunken. (APA/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2002)

von Elisabeth Steiner

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Leikam beklagt SP-"Gefühlskälte"

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