2367 Mitarbeitern droht Kündigung

5. Juni 2002, 11:54
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Frühwarnsystem aktiviert - Konkurs der maroden Medienhandelskette kaum mehr abzuwenden - Retter nach wie vor nicht in Sicht

Wiener Neudorf/Wien - Die marode Medienhandelskette Libro scheint in den letzten Zügen zu liegen, der Konkurs des schon vor einem Jahr in Ausgleich gegangenen Unternehmens unausweichlich: Die 2367 Mitarbeiter wurden jetzt vorsorglich im Rahmen des Frühwarnsystems des Arbeitsmarktservice (AMS) zur Kündigung angemeldet.

Betroffen sind sämtliche Mitarbeiter in den 247 Libro-Filialen, in der Firmenzentrale im niederösterreichischen Wiener Neudorf sowie die Angestellten der 22 großflächigen Amadeus-Medienmärkte. Der Großteil der Betroffenen arbeitet in Ostösterreich. Mit dieser Meldung beim AMS können gemäß Arbeitsmarktförderungsgesetz per Ende Juni die Kündigungen ausgesprochen werden. Sollte das Management wieder den Gang zum Handelsgericht antreten müssen, werden alle Mitarbeiter gekündigt und abgefertigt.

Betriebsrat beruhigt

Der Betriebsrat versuchte am Mittwoch zu beruhigen: Das sei eine gesetzlich vorgeschriebene Vorsorgemaßnahme. Im Ö1-Morgenjournal zeigte sich Betriebsratsobmann Werner Kratochvil zuversichtlich, dass es mit Libro in irgendeiner Form weitergehen werde, meldete der ORF.ON.

Deadline Donnerstag

Die involvierten Banken haben Libro noch bis Donnerstag, dem 6. Juni, Zeit gegeben, einen "weißen Ritter" zu finden - einen Investor, der das Unternehmen kauft und möglicherweise die Mitarbeiter übernimmt. Mit der Sache vertraute Personen erwarten aber, dass dies nicht mehr zu schaffen ist und dass am Freitag, spätestens aber Anfang kommender Woche neuerlich Insolvenz beim Landesgericht Wiener Neustadt angemeldet werden muss.

Kein Geld für Quote

Ein möglicher Investor müsste jedenfalls rund 50 Mio. Euro bei Libro einbringen, damit die Ende Juni fällige dritte Ausgleichsquote von 11,4 Mio. EURO bezahlt werden kann. Dafür hat Libro definitiv kein Geld; für den noch kurzen Fortbetrieb ist die Liquidität noch da. Fällig sind aber die Urlaubsgelder der Mitarbeiter. Die Interessenten - der Welser Papier- und Büroartikelhändler Anton Stahrlinger sowie eine Investorengruppe um den Wiener Unternehmensberater Rudolf Haberleitner - verlangen von den Banken weitere Kapitalspritzen von bis zu 30 Mio. Euro.

Im Konkursfall leben die alten Forderungen aus dem Ausgleich wieder auf. Der Kreditschutzverband schätzt die Passiva auf zumindest 350 Mio. EURO, dazu kommen voraussichtlich Schadenersatzansprüche aus Mietverträgen.

Ein gesonderter Verkauf von Amadeus ist unwahrscheinlich - erstens ist die Herauslösung rechtlich in kurzer Zeit bei gleichzeitig brennendem Hut nicht möglich; zweitens würde so die Masse im möglichen Konkurs schlechter gestellt.

In den Ausgleich im Jahr 2001 schlitterte Libro aufgrund der zu teuren Expansionspläne des vormaligen Vorstandchefs André Rettberg. Nach dem Ausgleich und neuerlichen Bankkrediten über 43 Mio. EURO versuchte ein Saniererteam um Werner Steinbauer den Neustart als Diskont-Nahversorger. Doch aufgrund mangelnden Lieferantenvertrauens wurden die Sortimentslücken immer tiefer. Darüber hinaus litt der gesamte Einzelhandel unter der konjunkturbedingten Flaute. (red,szem, APA, DER STANDARD, Printausgabe 5.6.2002)

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