Tötung im Greifreflex - Freispruch im Zweifel

4. Juni 2002, 19:34
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Am Tod von Imre B. ist niemand schuld

Wien - Stickige Luft im Bezirksgericht Wien-Fünfhaus, hinten kein Fingerbreit mehr Platz, vorne dreht sich alles um eine Fingerlänge: Wo hatte Norbert E. (37), Polizist aus Wien, den Zeigefinger seiner rechten Hand, kurz bevor er vor zwei Jahren irrtümlich einen Drogendealer, der gar keiner war, erschoss? War der Finger gekrümmt am Abzug oder, wie es Polizisten eigentlich tun müssen, wenn sie eine Waffe lediglich zur "Selbstsicherung" ziehen, ausgestreckt seitlich am Abzugsbügel vorbei?

Möglicherweise folgte der korrekt ausgestreckte Finger - im Fachjargon: "Finger lang" - auch einem unbewussten Greifreflex und überwand so den Abzugswiderstand von 31 Newton. Es lässt sich nicht mehr klären. In dubio pro reo. Richterin Anja Ziska fällte Dienstag im Prozess um die fahrlässige Tötung von Imre B. einen Freispruch im Zweifel.

Waffen verwechselt

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Staatsanwalt Kurt Hankiewicz legte Nichtigkeitsbeschwerde ein. Es bleibe, wie Richterin und auch Verteidiger Werner Tomanek einräumten, schaler Nachgeschmack: Der Kriminalist vom Kommissariat Ottakring war nicht mit der Dienstwaffe (Glock 19), sondern mit seiner privaten Pistole (Glock 26) zu dem fatalen Einsatz ausgerückt. Geladen allerdings mit Dienstmunition. "Ein Irrtum, der noch disziplinarrechtliche Folgen haben wird", gestand der Angeklagte ein. "Ein Hinweis darauf, wie es um die behördliche Waffensorgfalt bestellt ist", meinte die Richterin. "Für das Delikt ohne Bedeutung, weil die Waffen in der Funktionsweise nahezu ident sind", stellte Gerichtsgutachter Ingo Wieser vom Amt für Wehrtechnik fest.

Republik zuständig

Zum Vergleich fingerte auf freundliche Nachfrage ein Polizeimajor unter den Besuchern seine Dienstwaffe hervor. Wie er damit durch die Detektorenkontrolle am Gerichtseingang gekommen war, interessierte niemanden. Verteidiger und Sportschütze Tomanek lenkte das Interesse vielmehr auf die mangelnde Schießausbildung seines Mandanten und der Exekutive generell. Vorgeschrieben seien nur vier einfache Schießübungen pro Jahr. Die Republik Österreich sei schuld, dass "normale" Beamte niemals schießen unter Stressbedingungen trainierten.

Die Republik wird demnächst auch mit einer Amtshaftungsklage der Hinterbliebenen von Imre B. konfrontiert. Anwältin Gerda Hammerer wird im Namen von B.s minderjährigen Söhnen Schadenersatz, Schmerzensgeld und Unterhalt fordern. (DER STANDARD, Printausgabe 05.06.2002)

Michael Simoner
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