Westernszenen in Nordfrankreich

3. Juni 2002, 19:30
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Le Pen kandidiert nicht persönlich - dafür tritt seine Tochter in Pas-de-Calais an

Harnes - Es ist wie im Western. An einem Ende der langen Marktstraße durch das Dorf Harnes warten kommunistische Résistance-Veteranen auf "Highnoon", wenn die Sonne im Zenit stehen wird. Am anderen Ende beginnt Marine Le Pen ihren Marktgang.

"Köstlich, diese Erdbeeren", schätzt die hoch gewachsene Blondine mit ihrer rauen Stimme, als ihr eine Verkäuferin eine Holzschachtel voll reifer Früchte hinhält. "Ich brauche Sie nicht zu fragen, für wen Sie stimmen", lacht die Rechtsextremisten-Tochter. An einen Lokaljournalisten gerichtet fügt sie an: "Sehen Sie, unsere Sympathisanten verstecken sich nicht mehr." Im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen Ende April hatte Jean-Marie Le Pen in Harnes 24 Prozent der Stimmen erhalten - bedeutend mehr als Staatschef Chirac oder Premier Jospin.

Die 14.000 Einwohner leben heute in ihren roten Backsteinhäusern mehrheitlich von der Sozialhilfe oder vom staatlichen Mindestlohn, nachdem die Kohleminen Nordfrankreichs stillgelegt sind. Marine Le Pen, die hier im 13. Wahlkreis für den Front National (FN) einen Sitz in der Nationalversammlung erobern will, wird von einer beleibten älteren Dame um eine Unterschrift auf die FN-Broschüre gebeten. Monique, wie die Dame heißt, rückt ihren zerschlissenen Regenmantel zurecht, den sie trotz des Sonnenscheins trägt. Später erzählt sie, ihr verstorbener Gatte habe dreißig Jahre "ohne einen einzigen Krankheitstag" in den Kohleminen gearbeitet; jetzt erhalte sie dafür monatlich bloß 2500 Francs Rente - das wären 380 Euro, doch die neue Währung ist ihr noch nicht geläufig.

Damals, erzählt Monique, habe man in Harnes noch für die Linke gestimmt. Aber jetzt? "Die Kommunisten tun nichts mehr für uns. Ich habe einen Antrag für eine hübsche Zweizimmer-Sozialwohnung gestellt, aber dort haust jetzt ein arbeitsloser Araber mit zehn Kindern."

Aus dem Bilderbuch

Eine FN-Wählerin wie aus dem Bilderbuch. Edy, Konditorlehrling im Nachbarort, schließt sich ihr an: "Damals lebte und verdiente man hier noch besser, und mit den Ausländern war es einfacher. Gestern hat mir ein Maghrebinerkind den Mittelfinger gezeigt. Einfach so. Die Linke unternimmt nichts dagegen. Auch nicht für die Anhebung des Mindesteinkommens, die Brüssel ohnehin nicht zulassen würde. Le Pen will mit dem EU-Diktat aufräumen."

Marine hört das nicht mehr. Sie schüttelt einem Geflügelhändler südländischer Herkunft die Hand. Der klärt sie auf: "Wissen Sie, wir sind hier unter uns, wir leben alle in Frankreich, und wir sind alle gleich." Marine verlässt den Stand rasch. Bissige Kommentare einiger Jugendlicher verfolgen sie. "Ist die verheiratet?", fragt einer anzüglich. Geschieden sei sie, weiß ein anderer. Der erste: "Wie die Bulldoggen, die können auch nicht zusammenleben."

Der andere zeigt auf einen diskreten Mittvierziger im Schlepptau von Marine: "Dort, ihr neuer Freund." Es ist Eric Iorio, der im benachbarten Wahlkreis für den Front National (FN) kandidiert und Marine heute aushilft.

Er gehört zu den wenigen FN-Kandidaten, die trotz des geltenden Mehrheitswahlrechts Chancen haben, einen Parlamentssitz zu erringen, da die Linke in seinem Wahlkreis zerstritten ist. Die Gegner von Marine Le Pen hingegen, der sozialistische Abgeordnete Jean-Claude Bois und der kommunistische Bürgermeister von Harnes, Yvan Druon, wollen im zweiten Wahlgang gegenseitig verzichten, um den Erfolg der Frontistin zu verhindern.

Kein Detail

Le Pens Tochter hat deshalb weniger Wahlchancen. Doch die 33-jährige Anwältin, die jüngste von drei Töchtern und selbst Mutter von drei Kindern, gibt nicht so schnell auf. Wie Jeanne d'Arc nähert sie sich hoch erhobenen Hauptes dem Stand der ehemaligen Résistance-Kämpfer.

Die stimmen einen Partisanengesang aus dem spanischen Bürgerkrieg an, andere halten Holzschablonen in Menschenform mit Hakenkreuzen in die Höhe. Der groß gewachsene KP-Kandidat Druon baut sich mit vor Marine auf und deklariert über die Menschenmenge hinweg: "Hier sind noch lebende Opfer der Nazis, und die sind kein Detail der Geschichte" - eine Anspielung auf Le Pens früheren Ausspruch über die Gaskammern des Zweiten Weltkrieges. Marine windet sich hurtig durch den Flaschenhals. In einer leeren Straße sammelt sie ihre Mannen, um die Haustüren abklappern zu gehen. Es ist fünf nach zwölf in Harnes. (brae, Der STANDARD, Printausgabe, 4.6.2002)

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