Im Zweifel für den Angeklagten

3. Juni 2002, 19:19
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Woran erkennt man einen antisemitischen Text? fragt sich Jurist Peter Warta im Kommentar der Anderen

"Lieber Herr Walser", beginnt Frank Schirrmacher seinen offenen Brief an Martin Walser und wirft ihm dann Antisemitismus vor, unter anderem, weil dieser in seinem demnächst erscheinenden Buch "Tod eines Kritikers" dem jüdischen Protagonisten Herabsetzungslust und Verneinungskraft andichtet. Darauf Walser (laut NZZ): "Ich finde, Herr Schirrmacher ist ein Antisemit, wenn er Herabsetzungslust und Verneinungskraft für etwas Jüdisches hält." Moral als Waffe, aus der Hüfte übers Ziel schießend?

Antisemitismus ist kein leichter Vorwurf. Schwer genug, dass man für bisher einschlägig Unbescholtene eine Art Unschuldsvermutung gelten lassen sollte, solange nicht seriös geprüft werden kann, was an der Sache dran ist. Woran, so muss sich jeder fragen, der Verdacht schöpft, erkennt man einen antisemitischen Text? Genauer: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass ein Text als antisemitisch verstanden und daher gebrandmarkt werden darf?

In Walsers kommendem Buch, so viel ist mittlerweile sicher, wird unmissverständlich mit Marcel Reich-Ranicki auf grimmige Weise abgerechnet, eine feine Klinge ist das nicht. Walser stellt den Helden des Romans, André Ehrl-König, als "Scharfrichter von ungewöhnlicher Brutalität" dar, der seine (schließlich nur vermeintliche) Ermordung eigentlich längst verdient hätte. Er karikiert Ehrl-Königs (also Reich-Ranickis) Aussprache des Deutschen und diffamiert ihn durch wenig schmeichelhafte Anspielungen.

Schirrmacher hält Walsers Buch für ein Dokument des Hasses. Und Walsers Ehrl-König ist, wie Reich-Ranicki, Jude. Vielleicht ist "Tod eines Kritikers" nicht nur ein hasserfülltes, sondern auch ein schlechtes Buch. Antisemitisch ist es aber erst dann, wenn der Text den Eindruck vermittelt, Ehrl-König und also auch Reich-Ranicki seien abzulehnen, weil sie Juden sind, weil das, was an ihnen hassenswert ist, typisch jüdisch sei.

Dies beabsichtigt zu haben wird von Martin Walser heftig dementiert. Das mag, wenn es stimmt (und wahrscheinlich stimmt es), Walser entlasten. Den Text entlastet es deswegen noch nicht: Ob er antisemitische Vorurteile nährt, hängt nicht nur von der Absicht (oder vom Ungeschick) des Autors ab, sondern in erster Linie davon, wie er von bestimmten Leserschichten verstanden werden wird. Und da ist das Eis, auf dem sich Walser mit seinen Mordfantasien gegenüber einem diabolischen, jüdischen Großkritiker bewegt, dünn.

Die Frage lautet: Ist ein Schriftsteller dafür verantwortlich zu machen, dass ein tendenziell antisemitischer Teil des Publikums seinen Text versteht, wie es ihn verstehen will? Dass ein jüdisches Publikum sich beleidigt fühlt, obwohl er es nicht beleidigen wollte? Wohl ja, jedenfalls in Deutschland und Österreich.

Aber vorläufig bedeutet das kein Urteil über Walsers noch nicht erschienenes Buch. Denn einiges von dem, was Schirrmacher ihm anlastet, überzeugt nicht wirklich: "Herabsetzungslust" und "Verneinungskraft" sind zumindest mir als antisemitische Klischees unbekannt und aus dem im Buch so genannten "Ehrl-König-Sound", der den Protagonisten sein Vorbild Reich-Ranicki nachäffen und statt "deutsch" "doitsch", statt "Schriftsteller" "Schschscheriftstellerrr" und statt "Kritiker" "Keritiker" sagen lässt, kann ich zwar Pennäler-Spott, aber keine Verballhornung des Jiddischen heraushören. Schirrmacher kann. Gekonnt interpretiert er das, was Walser gegen den Vorwurf des Antisemitismus immunisieren könnte, als Immunisierungsstrategie und immunisiert sich selbst gegen den Vorwurf der Verschwörung, indem er ihn vorwegnimmt und entkräftet. Das funktioniert, weil es im Feuilleton nur Parteien und keine Richter gibt. Und wo es keine Richter gibt, erkennt man einen antisemitischen Text eben daran, dass man ihn für einen antisemitischen Text hält.

Walsers Attacke gegen das Symbol der Macht im Literaturbetrieb, gegen Marcel Reich-Ranicki, bezieht ihre Wut aus einer konkreten Kränkung und relativiert sich so automatisch, ist gerade deshalb politisch harmlos. Wirklich zum Fürchten ist der Antisemitismus des irrationalen Ressentiments. Der aber wird - zum Beispiel - von einem anderen Martin geschrieben und woanders gedruckt, in Auflagen, von denen die FAZ nur träumen kann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.06. 2002)

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