Ingo Marini, der späte Rückkehrer

3. Juni 2002, 19:05
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Bereits Ende der Achtzigerjahre hätte Ingo Marini eine Rückkehr an die Uni gereizt, doch sein damaliger Chef bei der Lenzing fragte ihn, ob er "schon in Pension gehen" wolle.

Nun ist an der Wiener TU promovierte Chemiker aus Tirol doch an seine erste Wirkungsstätte zurückgekehrt, aber zur Ruhe hat er sich nicht gesetzt, ganz im Gegenteil: Die 24 Jahre Berufserfahrung in der Privatwirtschaft bringt er als Asset mit und setzt sie zur effizienteren Verzahnung von akademischer Forschung und Anwendung ein: "Es geht an einem großen Institut immer auch um Managementqualitäten. Wie kann man aus den tollen Dingen in den Köpfen der Leute etwas Praktisches werden lassen, wie kann man sie zusammenführen, motivieren, noch bessere gruppendynamische Lösungen finden? Dazu kommt die Chance, die Erfahrungen aus der Industrie an die Studenten weiterzugeben und ihnen zu sagen, was ,draußen wirklich passiert'."

Groß ist das Institut, dem Marini, Jahrgang 1949, seit Februar vorsteht, in der Tat. Um den Kern der Verfahrenstechnik haben sich Umwelttechnik, die technischen Biowissenschaften und weitere ehemalige Institute gruppiert. Die Verfahrenstechnik versteht sich als Wissenschaft zwischen der Chemie und dem Maschinenbau. "Was die Chemiker mit 250 Millilitern im Labor probieren", erklärt Marini, "soll im Tonnenmaßstab gemacht werden, als Industrie, für die Praxis." Zu unterscheiden sind mechanische, thermische, chemische und neuerdings auch biologische Verfahren, mit deren Hilfe Materialien filtriert, kondensiert, kristallisiert oder fermentiert werden.

Das große Lyocell-Werk in Heiligenkreuz (Bgld.), dessen Technologie Marini mitentwickelt hat, zeigt das Potenzial dieser angewandten Chemie. "Eine weitere Anwendung der Verfahrenstechnik wird von uns entwickelt und betreut", berichtet er. "Indem wir Biomassevergasung in großem Maßstab realisierten, tragen wir - mit EU-Förderung - zur Entwicklung erneuerbarer Energie bei. Denn mit dem hochwertigen Gas werden Motoren betrieben, die sowohl Strom wie auch Wärme erzeugen." In Güssing steht bereits eine Probeanlage.

Der Tiroler Teamworker verweist häufig auf die Leistungen seiner Kollegen und Vorgänger, doch die geben das Kompliment zurück: Es habe, sagt einer von ihnen, des Rückkehrers bedurft, damit die angewandten Chemiker ihre Möglichkeiten ausschöpfen konnten. "Ich kann mir erlauben, alle guten Kräfte gleichmäßig zu fördern", quittiert Marini. Mit "proaktiven Tätigkeiten" möchte er dem Vorurteil entgegenwirken, dass das Technikstudium nur schwer und langwierig sei: "Es bringt auch was - gerade in der industriellen Praxis." (Michael Freund /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 6. 2002)

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