Im Klimabündnis mit "Indianern"

3. Juni 2002, 18:51
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Die Idee klingt bestechend: Die reichen Länder unterstützen die Bewohner des Regenwaldes, die damit die Natur bewahren

Klimabündnis heißt die Initiative. Kein Projekt zwischen Bürokraten, sondern von Basis zu Basis sozusagen. Zwar sind auch einige österreichische Großgemeinden und alle Bundesländer mit dabei (wodurch das dürftige Budget des Klimabündnisses ein wenig aufgebessert wird), doch sind es vor allem die vielen kleinen Kommunen, die die Aktivitäten auf österreichischer Seite - wie Ausstellungen, Wettbewerbe und Informationsveranstaltungen - tragen.

Schon an die 500 österreichische Gemeinden haben sich auch zu besonderen Schutzmaßnahmen für das Weltklima verpflichtet. So wollen sie bis zum Jahr 2010 ihren eigenen Ausstoß von Treibhausgasen um 50 Prozent verringern. Gleichzeitig unterstützen sie mit fixen Geldbeträgen Indianer im Amazonas-Gebiet.

1993 ist das österreichische Klimabündnis eine Partnerschaft mit der FOIRN ("Verband der indigenen Völker am oberen Rio Negro") in Brasilien eingegangen. Das von der Regierung in Brasilia 1998 anerkannte Indianergebiet an der Grenze zu Kolumbien und Venezuela ist größer als Österreich, hat aber nur 30.000 Einwohner, die 23 Sprachgruppen angehören.

Das Klimabündnis unterstützt mehrere Einzelprojekte finanziell und - durch die österreichische Organisation "horizont 3000" - mit entwicklungspolitischer Expertise. Dem Dachverband FOIRN wird ermöglicht - etwa durch die Finanzierung von Booten und Funkgeräten - Kontakt zu den rund 750 Siedlungen im riesigen Gebiet zu halten.

Das "Institut für Gesellschaft und Umwelt" (ISA) in São Paulo betreibt als brasilianische NGO erfolgreiches Lobbying für Indianer und Regenwald. So ist die Öffentlichkeit heute deutlich positiver gegenüber den Anliegen der Indianer eingestellt als noch vor 15 Jahren.

In São Gabriel, dem 10.000 Einwohner zählenden Hauptort des eigentlichen Indianergebietes, zwei Flugstunden westlich der Amazonas-Metropole Manaus, spürt man die politischen Spannungen, die die Region bedrohen. Das brasilianische Militär baut Stützpunkte im Indianergebiet aus. Im Zuge des nationalen Entwicklungsplans spricht man von neuen Straßen, Staudämmen und Erschließungsprojekten im Urwald, wegen der Wirtschaftskrise fehlt vorerst das Geld dafür. Doch die meisten Vertreter der Indianervölker fürchten um ihren Lebensraum und die in diesem Winkel Brasiliens noch weitgehend intakte Natur.

Drei Tage dauert dann die Bootsreise die Flüsse Rio Negro, Uapés und Tiquié hinauf. So manches vorgefasste Klischee gerät dabei ins Wanken: Der Urwald ist eher grün als bunt, die Nahrung sprießt trotz der dünnen Besiedelung keineswegs üppig genug. Daher wird auch ein Fischzuchtprojekt unterstützt, das die Ernährung der indianischen Bevölkerung sichern soll.

Eigene Geschichte

Am eindrucksvollsten sind aber die Schulen für das nicht einmal 2000 Angehörige zählende Tuyuka-Volk. Trotz der großen Entfernungen wollen fast alle Indianerfamilien ihre Kinder zur Schule schicken. Bisher bedeutete das meist Entwurzelung und Abschied von der überlieferten Kultur. Jetzt wird in den Dörfern in der eigens geschaffenen Schriftsprache unterrichtet, die Kinder erfahren auch über die eigene Geschichte und Religion.

Auch Higino Tenório, der Mentor der Tuyuka-Schulen, ist wieder in sein Dorf zurückgekehrt, obwohl er in den brasilianischen Städten gelebt hat und sogar schon nach Europa (auch nach Österreich) gereist ist. Er ist aber kein weltfremder Träumer, der die althergebrachte Kultur vom "modernen" Leben abschotten möchte.

Die moderne Technik, sagt Higino, trägt genauso wie die Schule zum Erhalt der Kultur bei: "Warum haben wir um unser Indianerterritorium gekämpft, wenn die Leute trotzdem in die Städte gehen müssen, um Arbeit zu finden? Sie sollen auch im Dorf Sinn für ihr Leben finden."

Doch auch das wird bald klar: Die Indianer müssen letztlich selbst entscheiden, wo und wie sie leben wollen. Wir dürfen von ihnen nicht das einfache (und beschwerliche) Leben im Regenwald einfordern, das wir selbst kaum zu führen bereit wären.

Der Widerspruch wird auch beim Klimaschutz klar: Immer wieder werden die Besucher aus Österreich gefragt, was wir bei uns wirksam gegen die Gefährdung der Natur unternehmen. Die Antworten fallen nicht immer leicht, und so sind unsere Gastgeber auch stolz auf ihre Rolle: "Wir wissen, dass das Klima bei Euch ziemlich schlecht ist, dass es sehr viel Verschmutzung gibt", sagt der FOIRN-Vorsitzende Orlando José, "daher empfinden wir Genugtuung, dass wir einen Beitrag für andere Völker leisten, indem wir die Amazonas-Region bewahren und eine Zerstörung nicht zulassen." (Helmut Opletal/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 6. 2002)

Die Idee klingt bestechend: Die reichen Länder setzen klimaschonende Maßnahmen, um den CO-Ausstoß zu verringern. Gleichzeitig unterstützen sie die Bewohner des Regenwaldes, die damit die Natur bewahren.
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