In die Pflicht genommen

3. Juni 2002, 18:46
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Ein Kommentar zur Lage der ÖVP von Conrad Seidl

Wo liegt die Kraft der ÖVP? Antwort des Chores der Lan-desfürsten: "In den Ländern!" Ehrlich gesagt: nicht in allen. Die Veranstaltungsorte der "ÖsterreichTage", mit denen "das Kanzlerteam vor Ort" laut Programm seine "Verantwortung für Österreich" demonstrieren will, sind offenbar mit Bedacht gewählt. Kein Auftritt in Kärnten, keiner im Burgenland - und in Wien nur ein rasch eingeschobener Fototermin.

Dafür massive Präsenz in jenen Bundesländern, in denen die ÖVP den Landeshauptmann stellt. Denn in der ÖVP-Zentrale kommt man langsam drauf, dass diesen das Hemd in der Lan-destracht näher ist als der schwarze Rock: Zwei große Bundesländer werden im nächsten Jahr mehr als zwei Millionen Wahlberechtigte zur Landtagswahl aufrufen. Erwin Pröll und Josef Pühringer strahlen bisher in ihren Ländern wesentlich stärker Vertrauen aus, als Bundeskanzler Wolfgang Schüssel es tut. Genau genommen strahlt der Kanzler nämlich gar nicht - während in allen schwarzen Bundesländern wohlgeschmierte Wahlkampfmaschinen damit beschäftigt sind, das Bild der jeweiligen Landespartei auf Hochglanz zu polieren.

Schüssels Zwischenwahlkampf hat daher vor allem die Funktion, die Landesparteien und ihre Chefs vor aller Augen (und Kameras) in die Pflicht zu nehmen: Es gibt eine Bundespartei, und diese will von den Ländern mitgetragen werden - und zwar mitsamt ihrer Politik; mag sie auch diesem oder jenem Landespolitiker unpopulär erscheinen.

Den Landesparteien wird nichts übrig bleiben, als sich zu fügen: Scheitert Schüssel an der nächsten Wahl, ist die gesamte ÖVP gescheitert. Es gilt aber auch umgekehrt: Schwache Landtagswahlergebnisse in Niederösterreich und Oberösterreich wären ein schlechtes Vorzeichen für die Nationalratswahl. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2002)


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