Die amerikanische Führungsrolle (II)

4. Juni 2002, 10:12
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Fortsetzung der Debatte mit Robert Menasse - Ein Kommentar von Hans Rauscher

Fortsetzung einer Debatte mit Robert Menasse über die Führungsrolle der USA. Für interessierte Leser wäre es allerdings besser, Menasses Text (im STANDARD vom 3. 6.) in voller Länge auf derStandard.at/Politik heranzuziehen, weil die notwendigen Kürzungen in der Print-Ausgabe so ausgefallen sind, dass wichtige Passagen Menasses verloren gingen.

Menasse hat in einem Gastkommentar im STANDARD vom 24. Mai die These entwickelt, die USA seien deswegen so unbeliebt, weil sie ihren Führungsanspruch in der Welt "auf nichts als militärische Gewalt" begründeten. Dies könne, so schrieb ich am 28. Mai, ein Autor vom Rang Menasses nicht ernst meinen, weil er wissen müsse, dass sich die militärische Stärke der USA auf ein überlegenes wirtschaftlich-technologisches System stütze, und das wieder sei die direkte Folge eines überlegenen Gesellschaftssystems, nämlich einer offenen, demokratischen Gesellschaft, die ihre Kreativität entwickeln kann. Die militärische Stärke ist also sozusagen nur grundiert durch die Überlegenheit einer freien und daher dynamischeren Gesellschaft.

Vielleicht hätte ich noch einmal ausdrücklich dazu-sagen sollen, dass diese Verfasstheit nicht nur Stärke, sondern auch Legitimation verleiht. Menasse argumentiert nun, ich würde die militärische Stärke und die wirtschaftliche Überlegenheit quasi nur als Prämissen einer Begründung für die Berechtigung der amerikanischen Führungsrolle nennen: "Rauscher weiß also noch andere Gründe für den Führungsanspruch der USA - die er dann aber nicht sagt." Diese Passage ist den Kürzungen zum Opfer gefallen, was schade ist, weil es ja den Kernvorwurf darstellt. Aber ich habe ja die Begründung gegeben: Der Führungsanspruch oder auch die Führungsrolle der USA wird durch ihre (auch von Menasse bestätigte) Verfasstheit als offene, demokratische Gesellschaft legitimiert. Wenn schon Führungsmacht, dann eine, die selbst internen demokratischen Kontrollen unterliegt. Und dafür gibt es ja Beispiele genug. Der Irrweg des Vietnamkrieges wurde durch eine interne Revolte der amerikanischen Jugend, der sich dann auch die Politik und die Bevölkerung insgesamt anschloss, unübersehbar korrigiert. Dass der philippinische Diktator Marcos gestürzt werden konnte, dass in Taiwan und Südkorea keine Militärregimes mehr herrschen, ist ebenfalls auf den inneren Korrekturmechanismus der US-Demokratie zurückzuführen.

Menasse behauptet in einer (gleichfalls gekürzten) Passage, es sei für gezählte 121 Länder von Nachteil gewesen, das "amerikanische" System zu übernehmen, also Demokratie und Marktwirtschaft. Das wäre jetzt eine wirklich spannende Debatte. Denn die 1:1-Übernahme des "Turbo-kapitalismus" und der "Schock-Marktwirtschaft" war für viele Länder tatsächlich schädlich. Zum Beispiel für Russland. Allerdings etwa für Polen nicht.

Kann die Lösung darin liegen, dass Russland nur den "Kapitalismus"-Anteil übernommen hat, den Demokratie-Anteil aber nicht oder sehr unvollständig? Oder dass Polen zwar die Schocktherapie wählte, gleichzeitig aber eine halbwegs funktionierende Demokratie, wodurch so wichtige Dinge wie Rechtssicherheit und Verteilungsgerechtigkeit gewährleistet waren?

Die USA haben ihre Führungsrolle nicht per se, sondern weil sie aufgrund ihrer Verfasstheit als offene Gesellschaft dafür zugleich gerüstet und legitimiert sind. Außerdem wollen sie diese Rolle wahrnehmen (derzeit). Ein Vereintes Europa hätte dieselbe Verfasstheit und dieselben Voraussetzungen, aber es will nicht.
hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2002)


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