"Ich schließe mich meinen Worten an!"

3. Juni 2002, 20:41
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Siemens-Feier mit Nikolaus Harnoncourt

München - Der Ort hätte nicht besser gewählt werden können! Den Ernst von Siemens Musikpreis in der Höhe von 150.000 Euro nahm der "ernste Musikwissenschafter und feurige Künstler" (Christoph Wolff) im schmucken Münchner Cuvilliéstheater, dem älteren von zwei Residenztheatern, in Empfang - also genau dort, wo vor 221 Jahren Mozarts Idomeneo uraufgeführt worden ist - eine der ersten Opern Mozarts, die Harnoncourt in ungemütlicher Betonung des Schicksalshaften aufgenommen hat.

Ein gerührter Harnoncourt zeigte sich in einer kurzen Replik auf den ehrenden Vorgang als jener Meister des Differenzierens, des schulmeisterlichen Verführens, als den man ihn seit Jahrzehnten lieben und zuweilen ja auch zu bekämpfen gelernt hat. Sein Lebenswerk wurde von der Siemens-Stiftung honoriert zu einem Zeitpunkt, da sich der solcherart mit Euros und Lob Überhäufte in einer Phase befindet, in der von Rückblick - wie er meinte - eigentlich nicht die Rede sein könne.

Auf seine zurückliegenden Tätigkeiten hätte er "so noch nie so geblickt". Natürlich kam niemand im Gesprochenen und gedruckt Verteilten um Harnoncourts Verdienste um einen neuen, produktiv zweifelnden Blick auf die so genannte Alte Musik herum.

Seit fast 50 Jahren existiert, nein: floriert der Concentus Musicus Wien, seit fast urdenklichen Zeiten streitet der Adelsspross für die Werke der Vormozartianer Biber und Schmelzer; seit nun schon vielen Jahren erweitert er die Perspektive des Althergebrachten im mutigen Schritt durch die Archive der Wiener Klassik und der (Spät-)Romantik bis hin zu den Werken der Zweiten Wiener Schule.

Der Klangredner

Doch Harnoncourt empfängt diesen Preis nicht nur als Musiker, als Wiedererwecker der recherchierten, gleichwohl vieldeutigen Klangrede, er wird auch als ein leibhaftiges musikmoralisches Gewissen prämiert. Christoph Wolff von der Harvard Universität erwähnte ein Interview Harnoncourts, in dem er die einseitige Betonung des Zweckhaften in der Werteskala heutigen Lebens anprangerte und damit auch als Gefahr für alles Schweifende, Fantastische - eben für das Künstlerische.

Der Festredner hatte mit diesem Zitat etwas vorweggenommen, worüber sich Harnoncourt wohl auch in seinen Dankesworten auslassen wollte. Seine Reaktion: "Ich schließe mich meinen Worten an." In Anwesenheit von Peter Ruzicka, dem Salzburger Festspielintendanten, mochte man im Residenztheater an den kommenden Don Giovanni denken, mit dem am 27. Juli in Salzburg unter Harnoncourts Leitung die Festspiele eröffnet werden.

In der Ära Mortier fühlte sich Harnoncourt fehl am Platz, unter den neuen Bedingungen sollte dies nicht der Fall sein. Im Übrigen, so der Dirigent kürzlich, sei Trotz eine falsche Einstellung. Zur Inszenierung verrät er nichts, er hebt jedoch die Gefahr hervor, wenn Regisseure nur das Libretto inszenieren, also Text und Szene losgelöst von der Musik arrangieren . . .
(Peter Cossé/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.06. 2002)

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