Der Fluch der Doppelexistenz

27. Juli 2004, 16:59
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Die Geschichte vom Superheld im Spinnennetztrikot, setzt mehr auf erzählerische denn auf aktionistische Effekte

Der Superheld im Spinnennetztrikot hangelt sich nun auch über heimische Leinwände: Sam Raimis "Spider-Man" setzt mehr auf erzählerische denn auf aktionistische Effekte und gewinnt damit nicht nur an der Kinokasse.

Von Isabella Reicher


Wien - Spider-Man kommt! Jetzt auch zu uns. Und neben all der üblichen Vorabwerbung eilt dem Film inzwischen schon das Wort "Einnahmenrekord" voraus: Allein in den USA hat Spider-Man - mit einem Produktionsbudget von rund 139 Millionen Dollar - auf mehr als 3 1/2 Tausend Leinwänden bereits über 330 Millionen Dollar eingespielt.

Foto: REUTERS/Columbia Pictures
Sam Raimis "Spider-Man" über der Stadt: Im Spinnennetztrikot, der zweiten
Haut des jungen Peter Parker, steckt Tobey Maguire.

Manchmal trifft sich der Hype jedoch mit einem Film, der tatsächlich verdient, dass man ihn ansieht: Sam Raimi, der vor zwanzig Jahren die Teufel tanzen ließ (The Evil Dead) und mit Darkman (1990) bereits einmal einem gebrochenen Superhelden einen wunderbar zwielichtigen Film widmete, hat Stan Lee und Steve Ditkos Marvel-Comic Spider-Man fürs Kino adaptiert. Und er hat sich der populären Ikone dabei - vergleichbar mit Tim Burtons schillernden Batman-Versionen - auf durchaus eigenwillige Art angenähert.

Der Film lässt viele Lesarten zu. Raimi spielt mit der Ambivalenz und gegen allzu eindeutige, vordergründige Festlegungen. Vor allem hat er sich der nahe liegenden Möglichkeit verweigert, ein Action-lastiges Spektakel zu inszenieren. Spider-Mans Rettungseinsätze und die Luftschlachten seines bösartigen Kontrahenten sorgen für pointierte aktionistische Sequenzen, deren filmtechnische Ausführung wenig darum bemüht scheint, State-of-the-Art-Digitalrealismus auszustellen, und sogar eher liebevoll schundig wirkt.

Über weite Strecken setzt Raimi stattdessen, ganz altmodisch, auf die Entwicklung der Charaktere oder auf Dialoge, die sich mitunter wie beste Screwball-Comedy anhören.

Teenage-Angst

Seinen Hauptdarsteller hat er angeblich gegen Produzentenwiderstand als Leading Man durchgesetzt: Tobey Maguire, alles andere als eine Actionfigur und schon bisher eher im Rollenfach des gebeutelten Teenagers zu Hause (The Ice Storm, Wonder Boys).

Mit etwas heiserer Stimme und wachen Augen macht Maguire den linkischen Mittelschüler Peter Parker lebendig, den Onkel und Tante aufgezogen haben, der heimlich das Mädchen von nebenan (Kirsten Dunst) liebt - eine durchschnittliche Vorstadtexistenz, bis ihn auf einer Schulexkursion eine genmanipulierte Spinne sticht.

Spider-Man ist also zunächst ein Pubertätsdrama. Er spielt mit den überraschenden Effekten der allmählichen Verwandlung des unsicheren Jungmännerkörpers in einen elastischen, athletischen Spinnenmann. Mit einer Mischung aus Unbehagen und überbordendem Triumph reagiert der Held auf die Entdeckung seiner Fähigkeiten, hangelt sich geschmeidig eine Hausmauer hoch, um dann einen wilden Sprunglauf, weit oben über der Stadt, von Dach zu Dach auszukosten.

Dass die Vorlage des Films ein Comic ist, hat sich ebenfalls in die Inszenierung eingeschrieben. Mitunter verdichtet sich das Geschehen in entsprechend gezeichneten Bildern: Wenn etwa der maskierte Retter und seine große Liebe einander im strömenden Regen endlich zum ersten Mal küssen, dann steht die Welt kurz auf dem Kopf, das Gesicht der Heldin von unten an seines geschmiegt, das von oben verkehrt ins Bild ragt.

Spider-Man ist auch ein Melodram. Die Fähigkeiten, die man hat, bringen entsprechende Verantwortung mit sich. Die schmerzliche Erkenntnis, dass die "Gabe" zugleich ein "Fluch" ist, die wie ein dunkler Schatten über der Erzählung liegt, hat ihr Schlüsselerlebnis.

Superhelden-Hybris

Die momentane Verwegenheit ob der neuentdeckten Möglichkeiten, ein Anflug von Superhelden-Hybris, führen in einer fatalen Verkettung scheinbar unzusammenhängender Ereignisse dazu, dass die Doppelexistenz Parker/ Spider-Man mit einem Makel behaftet bleibt, den es fortan abzutragen gilt.


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Foto: APA/AFPI/Lucy Nicholson
Spinnenmann mit Kuschelfaktor
"Spider-Man" in einer Anssichtssache


Spider-Man ist außerdem ein modernes Märchen. Ein giftgrünes Fabelwesen, eine Mutation wie der Titelheld, düst auf einem waffenbestückten Flugobjekt durch die Häuserschluchten (Willem Dafoe, der den Green Goblin verkörpert, markiert zugleich auch die darstellerische Schwachstelle des Films).

Seine Entwicklungsgeschichte ist eine andere. In Spider-Man kämpft ein fehlgeschlagenes Programm, ein böser Wille gegen ein versponnenes Produkt des Zufalls. Und die Sympathie gehört immer schon denen, die gewitzt sind und improvisieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2002)

Links:
Sony.at/Spiderman
Spider-Man-der-Film.de
Spider-Man-Movie.com

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