"Basisinnovationen kommen von den Usern"

3. Juni 2002, 19:52
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Zusammenwachsen der Kommunikationstechnologie splittet Gesellschaft und löst Großkonzerne auf

Wien - "Die Basisinnovationen kommen von den Usern und passieren nicht in den Forschungsabteilungen der Konzerne. Das technische Zusammenwachsen der Kommunikationstechnologien splittet die Gesellschaft und führt zur Auflösung von Großkonzernen." Mit dieser Diagnose fasst Universitätsprofessor Matthias Karmasin die Hauptthesen des Symposiums "Konvergenz, Divergenz" zusammen. Anlass: Die Eröffnung der "Denkfabrik" von Klaus Werner und Gerhard Dinstl, eine neue, businessorientierte Plattform für Wissensvermittlung.

"Seit zehn Jahren redet man über die Konvergenz der Medien, sucht nach der ultimativen Killerapplikation, die Internet und Fernsehen zusammenspannt. Aber die Basisinnovatinen sind nicht vom Schreibtisch aus machbar, sondern Zufallsprodukte", beschreibt Christian Eigner von "Texte zur Wirtschaft".

"Etwas völlig Neues"

So hätten erst die Benutzer aus dem technischen Nebenprodukt SMS etwas völlig Neues entwickelt, ein Kommunikationsinstrument mit eigenen Spielregeln. "Von Usern gemacht, von Großkonzernen kommerzialisiert." Eigners Rezept für künftige Entwicklungen: Communities aufbauen und schauen, was Menschen wirklich wollen und "was Trend sein wird".

"Der Splitt der Gesellschaft kündigt sich schon bei den Sieben- bis Achtjährigen an", weiß Karmasin aus Forschungen in Vorarlberg. "Sie können einander nicht verstehen. Das hängt mit der Konvergenz der Medien zusammen", fügt Karmasins Assistent Carsten Winter hinzu.

Zugang entscheidend

Entscheidend sei, ob Kids Zugang zu PCs und Internet haben. Der Umgang mit diesen Medien würde ihre Identität stärker prägen als Alter, Geschlecht, Rasse oder Hautfarbe: Ein Bregenzer Kind fühle sich von Studenten in Japan besser verstanden als von Schulkollegen. Damit bahne sich eine "80:20-Gesellschaft" an, in der eine Elite alle medialen Vorteile nutze, die Mehrheit ausgeschlossen bleibe.

Wie wirkt sich E-Business auf Großkonzerne wie IBM aus? "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir Kosten einsparen können. Ob man damit mehr verkaufen kann, ist umstritten", sagt Jörg Freienstein, Konsulent von IBM für E-Business So konnten die Kosten für die Bestellung eines Bürostuhles von 112 auf 1,84 Euro gesenkt werden.

Riesige Datenmengen

Derzeit seien die Organisationen mit riesigen Datenmengen überfordert und die Einzelnen noch immer darauf angewiesen, "irgendwo anrufen zu können". Doch der rasante technologische Fortschritt werde es künftig viel leichter machen, "die richtigen Informationen zur richtigen Zeit an die richtige Stelle" zu bringen.

Spätestens dann werden Großkonzerne ihre bisherigen Koordinationsvorteile verlieren und sich in immer kleinere Einheiten aufteilen. Die für DaimlerChrysler kolportierte Vision: "In 15 Jahren wird DaimlerChrysler nur mehr aus 15 Leuten bestehen. Sie hüten die Marke und koordinieren alle, die das Auto bauen." Matthias Karmasin: "Für Klein-und Mittelbetriebe ist das ein riesige Chance, mitspielen zu können." (Lydia Ninz, DER STANDARD, Printausgabe 4.6.2002)

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