Polen will die Stettiner Werft wieder verstaatlichen

3. Juni 2002, 19:53
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Rettungsplan gescheitert - Tausende Arbeitsplätze in Gefahr

Warschau - Die Stettiner Werft steht vor der Pleite. Der vor drei Monaten von Regierung, Werft und Banken ausgearbeitete Rettungsplan ist gescheitert. Nun soll die Werft wieder verstaatlicht werden. Die über 5000 Werftarbeiter sind zwar skeptisch, ob die Rückkehr zum sozialistischen Modell die richtige Lösung ist, klammern sich aber dennoch an diesen zurzeit einzigen Rettungsanker für die Werft.

Vor einigen Tagen haben sie erstmals seit Februar wieder Lohn und einige Nachzahlungen erhalten. Doch inzwischen kriselt es auch in der benachbarten Werft in Gdingen. Auch sie erhält seit Monaten keinen Bankkredit mehr und steht nun ebenfalls vor der Pleite. Sollten beide Werften, die Stocznia Szczecinska und die Stocznia Gdynia, wieder vom Staat übernommen werden, würde dies zwar die Arbeitsplätze auf den Werften sowie weitere 15.000 bei den Zuliefererfirmen retten, doch der ohnehin hoch verschuldete polnische Staat würde noch tiefer in die roten Zahlen rutschen.

In die existenzbedrohende Lage war die Werft vor allem durch schwerwiegende Produktionsfehler gekommen. So dauerte die Entwicklung neuer Schweißtechniken für einen Chemikalientanker länger als vorgesehen. Die Werft konnte den Liefertermin nicht einhalten, musste eine Vertragsstrafe und damit auch einen niedrigeren Gewinn hinnehmen. Bei einem anderen Schiff wurde der Schwerpunkt zunächst falsch berechnet, sodass es bei schwerer See gekentert wäre.

"Zwischenfinanzierung"

Statt nun aber die Banken über die Produktionsschwierigkeiten zu informieren und einen Krisenplan zur Finanzierung des jeweiligen Schiffes aufzustellen, zapfte die Werftleitung einfach die Kredite für die anderen Schiffe an und überbrückte somit die Zahlungsschwierigkeiten. Im November letzten Jahres flog diese Art der "Zwischenfinanzierung" auf.

Die nur für den Export arbeitende Werft hatte erstmals seit fünf Jahren Verlust gemacht - 100 Mio. Zloty (knapp 28 Mio. EURO). Die Banken, die sich bisher auf die Expertisen der Beratungsfirma Ernst & Young Audit verlassen hatten, prüften nun selbst die Bücher und mussten feststellen, dass die auftragsgebundenen Kredite für andere Schiffe verwendet worden waren. Sie stoppten alle laufenden Kredite. In der Folge konnte die Stettiner Werft weder die Löhne auszahlen, noch die Rechnungen der Zuliefererfirmen begleichen. Anfang März musste sie wegen Zahlungsunfähigkeit die Produktion einstellen. Seither sind die Werfttore geschlossen. (Gabriele Lesser, DER STANDARD, Printausgabe 4.6.2002)

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