Brown punktet gegen Blair

3. Juni 2002, 18:33
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Der britische Schatzkanzler holt den ersten Schwarzen ins Kabinett

Die Zäsur heißt Paul Boateng. Der Labour-Politiker ist der erste Schwarze, der an einem britischen Kabinettstisch sitzt. Boateng, in Ghana aufgewachsen, stieg auf der Karriereleiter eine Sprosse höher, als Premier Tony Blair vergangene Woche das Personalkarussell drehte. Er wurde zum leitenden Staatssekretär im Finanzministerium berufen, im mit Abstand wichtigsten Ressort. Das sichert ihm nach Londoner Gepflogenheiten das Recht, in der Kabinettsrunde Platz zu nehmen.

Boateng hat seine Beförderung einem Pechvogel zu verdanken. Stephen Byers, zuletzt von den Medien als "Liar Byers" (Lügner Byers) beschimpft, resignierte nach wochenlangem Nervenkrieg mit der Opposition und der Presse. Der Mann, der einst als Blairs Lieblingsminister galt, gab den schwierigsten Posten auf, den Großbritannien derzeit zu vergeben hat: das Amt des Verkehrsministers, das angesichts der Misere der Eisenbahn einem Schleuderstuhl gleicht.

Für Byers übernahm Alistair Darling, bis dahin Minister für Arbeit und Renten, das Transportressort. Darlings Posten wiederum wurde von Andrew Smith besetzt, der bisherigen Nummer zwei im Finanzministerium. Und an Smiths Stelle rückte Paul Boateng nach.

Normalerweise werden britische Regierungen immer im Sommerloch umgebildet, dann, wenn es keiner so richtig merkt. Dass es diesmal anders ist, hat mit einem Machtkampf zu tun: Das Duell zwischen Blair und seinem mächtigen Schatzkanzler Gordon Brown steuert auf den Kulminationspunkt zu. Zankapfel ist der Euro oder - präziser - die Frage, ob und wann das Inselreich das Europageld übernehmen soll.

Streitfall Euro

Blair neigt dazu, möglichst bald ein Referendum abzuhalten. Für den 49-Jährigen, der sich als Politiker von Weltrang begreift, ist das Ja zur Einheitswährung die Voraussetzung, um im europäischen Konzert die erste Geige zu spielen. Der Schotte Brown dagegen stellt ökonomische Kriterien in den Vordergrund und bleibt skeptisch. Im Moment sieht er den Euro eher als Fluch denn als Segen für die britische Wirtschaft.

Das ist denn auch die Elle, mit der das Sesselrücken im Kabinett gemessen wird. Stärkt Blair seine Position gegenüber Brown? Oder baut der Schatzkanzler seine Hausmacht aus? "Eins zu null für Brown", brachte der Indepen- dent seine Analyse auf den Punkt. Der Finanzexperte, für viele der Kronprinz, der Premierminister im Wartestand, habe die vorsommerliche Kraftprobe klar für sich entschieden.

Tatsächlich zählte der entlassene Byers zu den engsten Vertrauten Blairs. Sein Nachfolger Darling dagegen, ein Schotte wie Brown, ist eindeutig dem Lager des Kronprinzen zuzurechnen. Boateng wiederum, einer der strahlendsten Aufsteiger der Labour Party, galt früher als Intimus des Premiers. Glaubt man der Sunday Times, mischt aber auch er seine Karten neu. Paul Boateng, so das Blatt, setze immer stärker auf Brown.(Der STANDARD, Print-Ausgabe 4.6.2002)

Von Frank Herrmann aus London
  • Der britische Schatzkanzler Gordon Brown.
    foto: epa/gerry penny

    Der britische Schatzkanzler Gordon Brown.

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