Peking befürchtet regierungskritische Proteste

3. Juni 2002, 15:02
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Erstes Spiel der Chinesen am Jahrestag des Tiananmen-Massakers

Peking - Die chinesische Führung sieht dem WM-Debüt ihres Landes mit gemischten Gefühlen entgegen. Während Millionen Fußballfans dem ersten Auftritt ihrer Nationalelf bei einer Weltmeisterschaft entgegen fiebern, sorgt sich die Partei vor allem um das Datum. Wenn China am Dienstag gegen Costa Rica antritt, jährt sich zum 13. Mal das Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens.

Sicherheitskräfte in Uniform und zivil ersticken dort jede Erinnerung an das Blutvergießen vom 4. Juni 1989 im Keim. Im Stadion von Gwangju in Südkorea dagegen könnten politisch aktive Fans Transparente zeigen, die live in der ganzen Welt zu sehen sein würden.

Auch internationale Menschenrechtsaktivisten könnten das Fußballspiel als Forum nutzen, sagt He Depu, ein Mitglied der verbotenen Demokratischen Partei in China. Aus Furcht vor Protesten zum Jahrestag steht auch er unter Beobachtung der Behörden. Südkorea werde nicht so streng wie die Chinesen gegen mögliche Zwischenfälle vorgehen, schätzt He. Botschaften, die in China undenkbar wären, könnten dann live über die Bildschirme in chinesische Wohnzimmer flimmern.

Historische Stätte

Dabei ist auch der Austragungsort Gwangju politisch nicht unbelastet. 1980 wurden dort rund 2.000 Menschen getötet, als Studenten für politische Reformen auf die Straße gingen. Ähnlich viele könnten es neun Jahre später auf dem Pekinger Tiananmen-Platz gewesen sein. Offiziell rechtfertigt die chinesische Führung den Militäreinsatz mit einem "konterrevolutionären Aufruhr". Zum Jahrestag wurden mehrere Bürgerrechtler vorsorglich inhaftiert, Dutzende stehen im ganzen Land unter polizeilicher Überwachung.

Sollten die Chinesen schließlich ihr erstes WM-Spiel haushoch verlieren, dann könnten die Fans nach Ansicht von Bürgerrechtlern ihre Enttäuschung womöglich zum Anlass nehmen, auch gegen ganz andere Missstände im Land zu protestieren. Der Pekinger Universität, die bei der Studentenbewegung vor 13 Jahren eine führende Rolle spielte, widmen die Behörden deshalb vorsorglich ihre erhöhte Aufmerksamkeit. Jeder öffentliche Fernseher, auf dem die Studenten gemeinsam das Fußballspiel verfolgen, soll von einem Lehrer oder Aufseher kontrolliert werden.(APA)

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