Kampf der Kolik

3. Juni 2002, 14:37
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Eine Kolik ist für jedes Pferd äußerst schmerzhaft und gefährlich – immer wiederkehrende Koliken sind es umso mehr. Wie man den Ursachen von Koliken auf die Spur kommt und wie man ihnen vorbeugen kann, erfahren Sie hier. Erschienen in Pferderevue 5/2002, S. 70-71

Die Ursachen für chronische Koliken sind vielfältig. Einer der wichtigsten Faktoren ist zweifellos die Fütterung. Pferde nehmen in der freien Natur über den ganzen Tag verteilt immer wieder kleinere Mengen Futter auf und bleiben dabei grasend in Bewegung. Diese natürliche Nahrungsaufnahme wird in der modernen Pferdehaltung durch wenige große Mahlzeiten ersetzt, was zu einer Überforderung des Verdauungstraktes führen kann. Dreimal tägliche Fütterung ist daher als Minimalanforderung zu sehen, regelmäßiger Auslauf sollte selbstverständlich sein. Bei Patienten mit chronischen Verdauungsproblemen oder bei bereits kolikoperierten Pferden kann es notwendig werden, die Tagesration auf noch mehr kleine Portionen aufzuteilen. Weiters sollte Heu und Kraftfutter nicht gleichzeitig vorgelegt werden, da die Pferde zuerst gierig das Kraftfutter verschlingen – was aufgrund der ungenügenden Einspeichelung zu einer Übersäuerung des Magens führen kann. Heu sollte daher immer mindestens eine halbe Stunde vorher gefüttert werden. Gierige Fresser sollten durch große Steine in der Futterkrippe oder ähnliches zu einem langsameren Freßverhalten erzogen werden, futterneidigen Pferden kann in vielen Fällen durch einen Sichtschutz zu einer ruhigeren und streßfreieren Futteraufnahme verholfen werden. Bei Offenstallpferden kann sogar eine getrennte Fütterung sehr rangniedriger Tiere unter Aufsicht erforderlich sein.
Selbstverständlich muß das Futter qualitativ einwandfrei sein. Zurückhaltung ist bei der Verfütterung von quellenden, gärenden oder verkleisternden Futtermitteln (schlecht eingeweichte Rübenschnitzel, Äpfel, Brot, Weizen, Roggen, Klee etc.) geboten. Futterumstellungen müssen immer langsam und schrittweise vorgenommen, neue Futterchargen sollten zunächst mit den alten verschnitten werden.

Regelmäßig entwurmen

Neben Fütterungsfehlern zählen Parasiten des Magen-Darmtraktes zu den häufigsten Ursachen bei chronischen Koliken. Die regelmäßige Entwurmung aller Pferde eines Bestandes, regelmäßiges Ausmisten, Absammeln der Weiden, Portionsweiden mit Nachmahd oder Nachweide durch Rinder sowie kurzfristige Quarantäne von Neuzugängen nach der obligatorischen Entwurmung sind die wichtigsten Maßnahmen, um einer Parasiteninfektion vorzubeugen. Beim Entwurmen ist darauf zu achten, daß mittlerweile zahlreiche Wurmarten gegen viele Mittel resistent sind – vor allem Bandwürmer sprechen auf die gängigen Wurmmittel in normaler Dosierung überhaupt nicht an. Man darf sich auch nicht durch einen negativen Befund der Kotuntersuchung täuschen lassen: Zum einen stellt die Untersuchung immer nur eine Momentaufnahme dar, zum anderen sagt sie lediglich aus, daß noch keine geschlechtsreifen Würmer vorhanden sind, die Eier produzieren. Es bedeutet jedoch nicht, daß keine Larvenstadien im Tierkörper wandern und großen Schaden anrichten.

Zähne kontrollieren

Im Falle chronischer Koliken sollte auch besonderes Augenmerk auf die Zahnkontrolle gelegt werden, die im übrigen bei allen Pferden einmal jährlich erfolgen sollte. Bei älteren Pferden oder Pferden mit Problemgebissen (Hechtgebiß, Karpfengebiß, fehlende Zähne etc.) kann eine Korrektur auch in kürzeren Abständen notwendig sein.

Wenn alles nichts hilft

Doch was tun, wenn man diese wichtigsten Ursachen für wiederkehrende Verdauungsprobleme bereits behoben hat, das Pferd aber dennoch immer wieder kolikt und vielleicht sogar chronisch abmagert? Spätestens an diesem Punkt sollte ein Tierarzt zu Rate gezogen werden. Dieser wird zunächst eine ausführliche Vorgeschichte der Krankheit erheben, zu der folgende Fragen gehören: Was, wie oft und wieviel wird gefüttert? Ist eine Futterumstellung erfolgt? Wie oft, womit und wann wurde zuletzt entwurmt? Wurde eine Zahnkontrolle durchgeführt? Wann haben die Probleme begonnen? Wie äußern sie sich? Wie verläuft die Kolik? Zeigt das Pferd auch Gewichtsverlust, Durchfall oder Änderungen des Appetits? Sind auch andere Pferde des Bestandes betroffen? Welche Vorerkrankungen – soweit bekannt – hatte das Pferd (Druse etc.)? Was wurde bereits diagnostisch (Blutuntersuchungen etc.) oder therapeutisch unternommen? Gibt es vielleicht eine Temperaturkurve? Oft können aus einem guten Vorbericht bereits erste Hinweise auf die Ursachen des Problems gewonnen werden.

Weitere Untersuchungen

Wesentlich ist natürlich eine umfassende klinische Untersuchung des Pferdes. Aufschlußreich ist beispielsweise eine Farbveränderung der Kopfschleimhäute (Hinweise auf Lebererkrankungen, Blutarmut durch Würmer oder chronische Nierenerkrankungen etc.). Ödeme im Unterbauchbereich können auf Eiweißverluste durch chronische Darmerkrankungen oder Tumore hindeuten. Häufig findet man bei der klinischen Untersuchung jedoch nur unspezifische Symptome, so daß weiterführende Untersuchungen notwendig sind.
Diese umfassen zunächst Laboruntersuchungen. Erhöhungen der weißen Blutkörperchen und im Blut enthaltener Eiweißstoffe, des Fibrinogens, findet man etwa bei chronischen Entzündungen, versteckten Abszessen oder Tumoren. Auch eine Funktionsuntersuchung der inneren Organe zur Abklärung organischer Störungen (Leber, Niere) sind sinnvoll. Zusätzlich wäre ein Harnbefund empfehlenswert, um chronische Nierenerkrankungen sicher ausschliessen zu können, da die sogenannten Nierenwerte im Blut erst erhöht sind, wenn etwa zwei Drittel der Nieren nicht mehr funktionstüchtig sind.
Die Kotuntersuchung dient dem Nachweis von Wurmeiern, Sand oder sonstigen Fremdbeimengungen. Verstecktes Blut findet man manchmal bei Magengeschwüren, Geschwüren im Dickdarm oder bei Darmentzündungen.Eine rektale Untersuchung (Abtasten des Pferdeinneren durch den Enddarm, soweit erreichbar) dient dem Auffinden abnormer Massen (chronischer Abszesse, Tumoren), vergrößerter Lymphknoten, erweiterter oder verdickter Därme, Veränderungen des hinteren Pols der linken Niere sowie wurmbedingter krankhafter Gefäßerweiterungen. Manchmal können auch Sandablagerungen im Dickdarm erfühlt werden, die ebenfalls Ursache chronischer Koliken sein können. Die rektale Untersuchung ist für Tierarzt und Pferd nicht ganz ungefährlich, so daß sie nur bei braven Pferden oder mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen (Nasenbremse, Zwangsstand, eventuell Sedierung) vorgenommen werden kann.
Ebenfalls in der Praxis durchführbar ist die Gewinnung und Untersuchung der Bauchhöhlenflüssigkeit, die Hinweise auf chronische Bauchfellentzündung oder Tumore liefern kann.
Eine Magenspiegelung zur Diagnose von Gastritis und Magengeschwüren kann – ebenso wie die Ultraschalluntersuchung des Bauches inklusive Leber und Niere – ebenfalls wichtige Erkenntnisse liefern. Der Pferdepatient muß dafür allerdings in eine Klinik.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen als Ursache immer wiederkehrender Koliken sind zumeist mit Abmagerung verbunden, da die Darmwand durch die Einlagerung von Entzündungszellen verdickt wird und daher weniger Nährstoffe durchläßt. Die Beeinträchtigung der Nährstoffaufnahme kann beispielsweise durch den sogenannten Glukosetoleranztest untersucht werden, bei dem der Anstieg des Blutzuckers nach Verabreichung von Glucose gemessen wird. Erfolgt kein normaler Anstieg, so liegt entweder eine Störung der Magenentleerung oder eine Darmerkrankung im Dünndarmbereich mit verminderter Aufnahme der Nährstoffe vor. Zu viele konzentrierte Nährstoffe gelangen in den Dickdarmbereich und können dort zu Problemen wie Fehlgärung mit Aufgasung und Kolik führen.
Um Erkrankungen im Dickdarmbereich einordnen und behandeln zu können, ist häufig die Untersuchung einer kleinen Schleimhautgewebeprobe aus dem Enddarm notwendig.
Manchmal führen jedoch auch die ausgedehntesten diagnostischen Tests zu keinem Ergebnis. Bei derartigen Patienten besteht noch die Möglichkeit der Laparoskopie („Schlüsselloch-Chirurgie“), um Veränderungen, wie Verklebungen nach Kolikoperationen oder ähnliches zu sehen und gegebenenfalls beheben zu können. Auch besteht dadurch die Chance, gezielt Gewebeproben aus der Darmwand zu gewinnen. Leider ist durch diese Methode, die auch im Stehen in tiefer Sedierung durchgeführt werden kann, nur ein Teil des Bauches einsehbar. Als letzte Alternative bleibt daher in Einzelfällen nur die Laparotomie, die einer Kolikoperation entspricht.

Vorbeugen ist besser…

Die notwendige Diagnostik ist – wie man sieht – oft aufwendig und teuer, und auch bei klarer Diagnose kann dem Patienten nicht immer geholfen werden – etwa, wenn chronisch-entzündliche Darmerkrankungen schon zu lange bestanden haben oder im Falle chronischer Wurmschäden aus der Aufzuchtperiode. Daher sollte man die angesprochenen vorbeugenden Maßnahmen beachten und auch zunächst harmlos erscheinende Koliken keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Selbst nach einer Verstopfungskolik, die im Regelfall nur mit milden Symptomen wie vermehrtem Liegen, vermindertem Appetit und reduziertem Absatz trockenen Kotes einhergeht, kann das Pferd zum chronischen Koliker werden. Bei zu lange anhaltendem Druck des trockenen, angeschoppten Darminhaltes können die Nerven in der Darmwand irreversibel geschädigt werden, so daß das Pferd immer wieder Probleme hat. Ähnliches kann auch nach längerdauernder Aufgasung eines Darmteiles nach Verfütterung blähenden Futters geschehen. Selbst Magenentzündungen, die sich oft nur durch langsames Fressen, häufiges Gähnen und Flehmen oder Zähneknirschen sowie apathisches Allgemeinverhalten äußern, können über einen Reflexbogen zwischen Magen und Dickdarm immer wieder schwere Dickdarmkoliken zur Folge haben. Jeder verantwortungsvolle Pferdebesitzer sollte daher selbst bei geringfügig erscheinenden Problemen seines Pferdes rechtzeitig kompetente Hilfe anfordern, um chronische Krankheitsverläufe zu vermeiden.
Dr. Sonja Wlaschitz

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    Gesunde Haltungsbedingungen und viel Bewegung minimieren das Risiko von immer wiederkehrenden Koliken.

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