Überkopffische

3. Juni 2002, 17:00
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Aber Kinder sind es ohnehin gewohnt, ständig Ärsche, Taschen und Kniekehlen vor Augen zu haben ...

Neulich hatten wir Kinder. Bloß ausgeborgt und übers Wochenende zwar, aber immerhin. Und weil blöderweise blödes Wetter war, fiel weder A. noch mir was besseres ein, als das Haus des Meeres anzusteuern: Der Flakturm liegt strategisch günstig: Auf halbem Weg nach Hause gibt es Pizzeria und McDonald's. Außerdem - soviel wissen sogar A. und ich über Kinder - kommen Fische immer gut an, wenn sie quaderförmig präsentiert werden: Im Aquarium oder paniert. Wir hatten uns nicht geirrt.

Es ist ja nicht so, dass wir das erste Mal im Haus des Meeres gewesen wären: 0815-Schlechtwetterprogramm. Klassisches Scheidungspapawochenendausflugsziel. Schweißausbruchaffine Innentemperaturen. Aber die Kinder ("Wir gehen zum Haifisch! Wir gehen zum Haifisch!") waren begeistert - und A. hatte die kleinen Affen im Tropenhaus noch nie gesehen. Außerdem kann es nie schaden, Bekanntes einmal unter anderen Rahmenbedingungen zu sehen: Das Haus des Meeres mit Kindern ist ein bisserl wie ein Stadtspaziergang mit Freunden von anderswo.

Bloß: Während die Stadt da immer gewinnt, verliert das Bunkeraquarium. Nicht wegen Fischen, Schlangen und sonstigen Lebewesen. Auch nicht wegen der Beschreibungen oder Erklärungen. Und schon gar nicht wegen der Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft jener Leute, die dort arbeiten - sondern einzig auf Grund des Umstandes, dass das Haus nicht nach den Bedürfnissen jener Klientel eingerichtet ist, von der es hauptsächlich - jedenfalls sieht es drin immer danach aus - lebt: Kinder nämlich.

Kindliche Nackenstarre

Denn kein Erwachsener ließe sich ein Museum gefallen, in dem die Vitrinen - und zwar praktisch alle - in jener Höhe angebracht sind, in der der Durchschnittsösterreicher den Haaransatz hat. Und die Erläuterungen picken überhaupt ganz an der Decke. Im Halbdunkel. Es wäre eine Frage von Tagen, bis die Schaukästen entweder auf eine vernünftige Höhe gesenkt worden sind - oder aber Stufen, Podeste oder Rampen das Auge auf Vitrinenhöhe heben. Einfach, weil die Alternative hieße, dass binnen kürzester Zeit die Besucherfrequenz gegen Null tendiert.

Aber Kinder sind es ohnehin gewohnt, ständig Ärsche, Taschen und Kniekehlen vor Augen zu haben. Und wenn Papa dank der oberhalb der Vitrinen angebrachten Texte den coolen Kompetenzler ("Aber geh, das ist doch keine Python, sondern eine XY-Schlange. Die ist übrigens wahnsinnig giftig.") raushängen lassen kann, wird er sich auch nicht beschweren. Außerdem fragt Nachwuchs schließlich nicht, wieso es überhaupt nötig ist, gehoben zu werden, damit er was sieht, wenn die Schlange sich was zu fressen kriegt - der freut sich einfach.

Behindertenvertreter laden Planer und Politiker immer wieder dazu ein, das von ihnen Geplante aus der Rollstuhl-, Gehörlosen- oder Blindenperspektive zu erleben. Im Haus des Meeres würde einmal bücken genügen.

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