Freispruch für Polizisten: Aussage des Opfers "nicht glaubwürdig"

3. Juni 2002, 15:46
posten

Beamte waren wegen Körperverletzung angeklagt gewesen

Wien -

Vor einem Dreivierteljahr wollten der Wiener Heinrich L. (43) und sein Lebensgefährte, der 22-jährige Andreas W., eine Lokaltour unternehmen. Da die beiden aber in einer der besuchten Bars Lokalverbot hatten und trotz mehrmaliger Aufforderung des Wirtes nicht gehen wollten, wurde die Polizei geholt. Da sich L. weigerte zu gehen und die Beamten beschimpfte, wurde der 43-Jährige festgenommen. In der Haft, so behauptet L., sei er von zwei Polizisten auf dem Boden geschliffen und geprügelt worden. Am Montag, standen die beiden Gesetzeshüter daher vor dem Wiener Landesgericht.

"Wenn sich der Zeuge in der Bauchlage befindet, ist es mir unerklärlich, wie die Striemen vorne zustanden gekommen sind", meinte der Richter. Außerdem waren an den Händen keine Abwehrspuren zu finden. Auch das Hemd, das L. in der Nacht im Arrest getragen hatte, sei bei dem Vorfall nicht zu Schaden gekommen. Aber bei solchen Schlägen müsste es eigentlich schmutzig oder zerrissen sein.

Nachdem den Aussagen von L. wenig Glauben geschenkt wurde, kam es zum Freispruch der beiden angeklagten Polizisten.

Vorgeschichte

Lokalverbot missachtet

An dem besagten Abend sollte im Homosexuellenlokal "Wiener Freiheit" noch ein Abschlussgetränk konsumiert werden. "Wie wir beim Bacardi Cola gesessen sind, ist gleich der Chef gekommen und hat uns rausschmeißen wollen", sagte der Zeuge L. Der 43-Jährige wollte jedoch mit seinem Freund den Longdrink noch fertig trinken. "Da die beiden immer wieder Probleme machen und das Lokalverbot nicht beachten, habe ich die Polizei geholt", sagte der Wirt Alexander H. Als die Exekutive eintraf, wurde dem Lebensgefährten Andreas schlecht. "Er ist schwer zuckerkrank", erläuterte L.

Da er dem Freund mit Wasser und Zuckerstücken half, wollte der 44-Jährige trotz Aufforderung der Beamten auch dieses Mal die "Wiener Freiheit" nicht verlassen. "Ich habe gesagt, wenn ich gehen soll, müssen sie mich schon mit Handschellen abführen", sagte der Zeuge. "Das machen die immer, dass dann einer umfällt und schwer krank spielt. Oder sie provozieren meine Gäste", so der Wirt. "Warum tun sie das", fragte Richter Jilke. "Das kann nur ein Psychologe sagen", meinte der Gastronom.

"Das eigenständige Gehen verweigert"

Da L. auch nicht mit seinen Beschimpfungen aufhörte, wurde er kurzerhand von der Polizei festgenommen. Auch in der Arrestzelle des Kommissariats beruhigte sich der 43-Jährige nicht. "Da haben wir ihn an Händen und Füßen in eine Gummizelle getragen, das eigenständige Gehen hat er ja verweigert", erklärte die angeklagte Revierinspektorin Michaela C. Bei diesem Zellenwechsel soll jedoch L. von einem der Beamten an den Füßen gepackt und auf dem Bauch am Boden entlang geschliffen worden sein. Die Angeklagten C. und Revierinspektor Friedrich B. hätten laut dieser Aussage mit Schlagstock und Gürtel auf ihn eingeprügelt.

Für die Demonstration dieser Situation entledigte sich Richter Jilke sogar seines Talars. "So jetzt zeigen sie mir, wie das war", sagte der Vorsitzende, bat einen Gerichtspraktikanten, er möge sich auf den Bauch legen und besprach mit dem Opfer mit Hilfe eines Gürtels das Geschehen auf dem Polizeirevier. (APA)

Share if you care.