Psychotraumata als Folge von Menschen- rechtsverletzungen

3. Juni 2002, 12:10
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Neuer Sammelband stellt therapeutische Behandlungen in verschiedenen kulturellen Kontexten vor

Wien - Sexueller Missbrauch bei Mädchen und Frauen, die Erfahrungen von Flüchtlingen, ethnische Kriege in Zentralafrika: Psychotraumatische Verletzungen treten in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf, führen aber überall zu tiefen Erschütterungen des Selbst- und Weltverständnisses. "Die Opfer verlieren den Boden unter den Füßen, das Vertrauen in sich selbst und manchmal auch die Sprache", schreibt der Psychologe Klaus Ottomeyer. Der von ihm und Karl Peltzer herausgegebene Band "Überleben am Abgrund" gibt einen ausgezeichneten Überblick zu den Ursachen und Behandlungen von Psychotraumata in verschiedenen kulturellen Kontexten. Das im Drava-Verlag erschienene Buch wurde am Montag in Wien vorgestellt.

"Wenn Menschen ein psychisches Trauma erleiden, erleben sie in schmerzender Weise Dinge, die sie bis dahin in ihrer Welt für unmöglich hielten." Ottomeyer weist in seinem instruktiven Vorwort auf eine gemeinsame Erfahrung traumatisierte Opfer von menschlicher Gewalt oder Naturkatastrophen hin. Bis auf einen Beitrag über den Katastropheneinsatz in Kaprun (Gerhard Kohlweg) widmet sich das Buch aber vor allem Opfern von Menschenrechtsverletzungen, ihren Überlebensstrategien und den Möglichkeiten und Bedingungen therapeutischer Hilfe.

Psychotrauma als öffentliches Thema

Dass das Psychotrauma in den letzten 20 Jahren zu einem öffentlichen Thema geworden ist, sei vor allem Menschrechtsaktivisten und Selbsthilfegruppen zuzuschreiben, gibt Ottomeyer zu denken. Der Bericht von Hannes Krall über seine therapeutische Arbeit mit einer Jugendlichen, die von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, zeigt, wie die Kreativität und die "survivor-Eigenschaften" eines Opfers auch in der Theraphie entscheidend zur Heilung beitragen können.

Mehrere Beiträge widmen sich der therapeutischen Arbeit mit Flüchtlingen in Österreich. Hier sind es vor allem NGOs, die sich den Opfern widmen. Ottomeyer berichtet über die Kärntner Einrichtung "Apsis", Barbara Preitler über die psychotherapeutische Betreuung von Folter- und Kriegsüberlebenden bei dem Wiener Verein "Hemayat", Ingrid Egger über die Flüchtlingsarbeit von "Zebra" in Graz. Gerald Winter beleuchtet die gesellschaftlichen Bedingungen für die integrative Arbeit des Vereines "Omega" in Graz. Er kritisiert die "schleppende staatliche Bürokratie", die ein geregeltes praktisches Arbeiten des Vereines verunmöglichen würde.

Verschiedene Rituale zur Bewältigung

Fast alle Kulturen haben wirksame Rituale zur Bewältigung von traumatischen Erfahrungen entwickelt. Vor dem Hintergrund interkultureller Kooperation im Zuge der Globalisierung gibt es eine Öffnung der westlichen Psychologie und Psychotherapie für Praktiken traditioneller Heilerinnen in außereuropäischen Gesellschaften. Fünf Aufsätze des Sammelbandes beschäftigen sich mit diesen kontextuellen Fragen, schwerpunktmäßig werden Kriegstraumatisierungen in Afrika behandelt. Hervorgehoben werden muss hier der Artikel von Helmut Spitzer. Er gewährt einen beeindruckenden Blick auf die Arbeit mit "child soldiers" im Norden Ugandas.

Die Frage, ob Menschenrechtsverletzungen in den verschiedenen Kulturen überhaupt als solche wahrgenommen werden - etwa die Tötung schuldloser Frauen und Kinder bei Terroranschlägen - diskutiert der Begründer der Ethnopsychoanalyse Paul Parin. Trotz aller gesellschaftlicher Verschiedenheiten kommen die Allgemeinen Menschenrechte überall vor, meint Parin. Um zur Wirkung zu gelangen - und das dürfte ebenfalls universell sein - müssten sie aber in einer gesellschaftlichen und individuellen Entwicklung erworben werden. Es bestehe kein prinzipielles Hindernis, sie in einer Kultur, in der sie ganz oder teilweise zu fehlen scheinen, einzufordern.

Diese Tendenz gegen andere kulturellen Kräfte, etwa der Verpflichtung zur Rache oder der Wiederherstellung männlicher Ehre, durchzusetzen, sei aber ein langer und mühsamer Prozess. "Ungern denkt man an Mühlen, die so langsam mahlen, dass man verhungern könnte, ehe man das Mehl bekommt". Das schrieb Sigmund Freud, als er nach den Veränderungsmöglichkeiten des Menschen gefragt wurde. Paul Parin zufolge gilt dasselbe für die universelle Geltung der Menschenrechte. (APA)

Klaus Ottomeyer, Karl Peltzer (Hg.): Überleben am Abgrund.
Psychotrauma und Menschenrechte,
Drava-Verlag,
368 Seiten,
Euro 29.50,
ISBN 3-85435-364-2

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