Arsen und Spitzenumsätze

3. Juni 2002, 11:06
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17 Millionen Menschen sterben jährlich an Infektionskrankheiten. Die meisten in Entwicklungsländern: Arzneien fehlen oder sind zu teuer. Doch Pharmafirmen bedienen primär Bedürfnisse in Industriestaaten. Mit profitablen Lifestylepillen.

Omugo, Uganda. Bianga beginnt plötzlich zu schreien. Auf dem Feld bricht sie zusammen, hat Krämpfe. Der Anfall dauert nur wenige Minuten, dann steht die Frau auf, geht nach Hause. Biangas Lymphknoten sind bereits schmerzhaft geschwollen. Sie ist schwach, verwirrt, kann nicht mehr arbeiten.

Die Anfälle werden häufiger. In der Nacht kann sie kaum schlafen, tagsüber döst sie oft dahin. Ihr Mann hat sie und ihren sechsjährigen Sohn deswegen verlassen. Bianga, ohne Einkommen und auf Hilfe ihrer Mutter angewiesen, bei der sie nun wohnt, leidet an der Schlafkrankheit.

Drexel Hill, Pennsylvania. Monica steht vor dem Spiegel in ihrem Apartment. Verzweifelt. Sie kann es nicht ertragen, wenn jemand ihr Gesicht berührt. Selbst ihrem Mann hat sie es verboten. Mehr als zweieinhalb Stunden verbringt die Frau täglich mit dem Auszupfen von Haaren, um am nächsten Morgen, wie sie klagt, "wieder einen Schatten im Gesicht zu haben". Monica, eine Geschäftsfrau, leidet am Damenbart.

Was diese Schicksale verbindet? Für beide Frauen hätte es dieselbe Behandlungsmöglichkeit mit denselben Erfolgschancen gegeben. Doch die Pharmaindustrie - symptomatisch für diesen Wirtschaftszweig - stellte diese Option aus Profitgründen nur einer zur Verfügung.

Bianga wird im Spital mit Melarsoprol behandelt, ein seit 1949 gegen die Schlafkrankheit eingesetztes Arsenpräparat, das schmerzt, Venen und Gehirn zerstört. Zehn Prozent der Patienten überleben die Therapie nicht. Bianga schon. Sie kehrt nach Hause zurück. Zu Mutter und Sohn. Einen Monat später erleidet sie einen Rückfall. Diesmal nützt auch Arsen nichts. Der von der Tsetsefliege übertragene Erreger ist resistent. Eine andere Arznei gibt es nicht.

Monica erfährt aus einem Lifestylemagazin von Vaniqa. Um 200 Euro deckt sich die Amerikanerin mit der Creme ein, schmiert sie vier Monate lang regelmäßig ins Gesicht. Dann postet sie auf der Homepage des Vertreibers: "Mein Mann liebt es jetzt, mit seinen Händen mein Gesicht zu streicheln." Ihr Damenbart ist weg.

Der Wirkstoff der Antidamenbartcreme ist Eflornithin. Das Medikament ist das bisher wirksamste und sicherste Mittel gegen die Schlafkrankheit. Im fortgeschrittenen Stadium sogar als einzige Hilfe. Die tödliche Krankheit, mit der sich jährlich 300.000 Menschen infizieren, kommt jedoch nur im tropischen Afrika, in Entwicklungsländern, vor. Mangels Profitaussichten wurde die Produktion deshalb 1995 von Hoechst eingestellt.

Enorme Empörung . . .
Bristol-Myers Squibb entdeckte die Arznei ob ihrer enthaarenden Nebenwirkung wieder, tat sich mit Gillette zusammen und brachte im Vorjahr die umsatzträchtige Gesichtscreme auf den Markt.

Die Empörung in der humanitären Fachwelt über diesen Zynismus war enorm. Durch eine von Ärzte ohne Grenzen angeführte Kampagne wurde im Vorjahr die Versorgung aller Patienten mit dem Medikament zumindest für fünf Jahre gesichert: Aventis (vormals Hoechst) stellt es nach Bedarfsschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kostenlos zur Verfügung. Im ersten Jahr beteiligte sich auch Bristol-Myers. Bianga war wenige Wochen zuvor gestorben.

Infektionskrankheiten sind die weltweit häufigste Todesursache. Jedes Jahr sterben 17 Millionen Menschen daran, das entspricht gut einem Viertel aller globalen Todesfälle. Das Gros der Opfer stammt aus den ärmsten Ländern.

Die meisten dieser Todesfälle könnten verhindert werden, schließlich gäbe es wirksame Impfungen und Therapien, oder sie könnten jederzeit entwickelt werden. Aber meist sind die Arzneien zu teuer oder werden mangels Umsatzchancen nicht mehr hergestellt. Und viele dieser Krankheiten sind für Industrieländer, in denen die Pharmariesen sitzen, eine vergleichsweise geringe Gefahr. Zu diesen "vergessenen Krankheiten" zählen Malaria, Kala Azar, Tuberkulose, Aids und auch die Schlafkrankheit.

Eine Studie der Arbeitsgruppe zur Untersuchung von Entwicklungen zu Krankheiten in Entwicklungsländern (Drugs for Neglected Disease Working Group) kommt zum Ergebnis: "Die Pharmaindustrie konzentriert sich auf das Umsatzpotenzial der reichen Märkte. Nordamerika, Europa und Japan stellen im Jahr 2002 zusammen 80 Prozent des weltweiten pharmazeutischen Marktes mit einem geschätzten Gesamtwert von 406 Milliarden US-Dollar dar, während auf Afrika, Asien, Lateinamerika und den Nahen Osten, die immerhin 80 Prozent der Weltbevölkerung darstellen, lediglich die restlichen 20 Prozent des Medikamentenmarktes fallen."

. . . über Zynismus
Das Global Forum for Health Research zeichnet im Bereich der Wissenschaft allein ein noch düsteres Bild: "Die Forschung beschäftigt sich nur zu zehn Prozent mit Problemen, die 90 Prozent der weltweiten Krankheitslast ausmachen." Von 1400 seit 1975 entwickelten Arzneien waren lediglich 13 für Tropenkrankheiten.

Nach Angaben des Verbandes der US-Pharmaindustrie sind von 137 Medikamenten gegen Infektionskrankheiten, die nun in klinische Tests gehen sollen, nur eines gegen die Schlafkrankheit und eines gegen Malaria vorgesehen - an beiden Tropenkrankheiten zusammen sterben jedes Jahr zwei Millionen Menschen, 40 Prozent der Weltbevölkerung in 100 Ländern sind ansteckungsgefährdet. Dem gegenüber stehen acht Arzneien gegen Erektionsstörung, sieben gegen Übergewicht, vier gegen Schlafstörung und zwei gegen Haarausfall vor den Tests. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2002)

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