Abtreibung: Schweiz lockert Bestimmungen

10. Juni 2002, 12:45
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Mehr als 73 Prozent stimmten bei Referendum für Fristenlösung

Bern - Mit deutlicher Mehrheit haben die Schweizerinnen und Schweizer am Sonntag für eine Lockerung des 60 Jahre alten Abtreibungsgesetzes gestimmt. Ersten Ergebnissen und Hochrechnungen zufolge sprachen sich mehr als 73 Prozent der WählerInnen für den Regierungsvorschlag aus. Demnach ist eine Abtreibung künftig innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen straflos, wenn die Frau schriftlich eine Notlage geltend machen kann und vor dem Eingriff eine eingehende ärztliche Beratung einholt.

Ein Gegenvorschlag zur Verschärfung des Rechts wurde - ebenfalls laut ersten Ergebnissen und Hochrechnungen, die endgültigen Zahlen wurden für die Abendstunden erwartet - mit mehr als 82 Prozent der Stimmen abgelehnt.

Das bisherige Gesetz erlaubt eine Abtreibung nur, wenn die Schwangerschaft Gesundheit oder Wohlergehen der Mutter gefährdet. Illegale Abtreibung konnte mit einer Geld- oder Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden. Das Gesetz wurde in den einzelnen Kantonen jedoch sehr unterschiedlich ausgelegt. Nach Angaben der Regierung gab es jedes Jahr rund 16.000 Abtreibungen.

Laut Gesundheitsbehörden wird in der Schweiz im Schnitt eine von acht Schwangerschaften abgebrochen. Zuletzt war eine Frau vor 14 Jahren wegen einer Abtreibung bestraft worden. Nach mehreren gescheiterten Anläufen, an der geltenden Regelung etwas zu ändern, und drei negativen Volksabstimmungen seit 1977 hatten die Stimmberechtigten nun die Wahl zwischen zwei entgegengesetzten Lösungen.

Der zweite Vorschlag "Für Mutter und Kind" war von konservativen und religiösen Gruppen eingebracht worden. Demnach sollte das Abtreibungsverbot in der Verfassung festgeschrieben werden. Einzig wenn das Leben der Mutter unmittelbar bedroht ist, wollte diese Initiative eine Abtreibung erlauben. Bei einer Schwangerschaft infolge einer Vergewaltigung sollte das Kind zur Adoption freigegeben werden.

Schärfstes Gesetz

Die katholischen Bischöfe in der Schweiz unterstützten den Vorschlag, sprachen aber keine Abstimmungsempfehlung aus. Bisher gehörten die Bestimmungen zum Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz zu den restriktivsten in Europa. Das Gesetz stammt aus dem Jahre 1942. Es wurde seither nicht verändert, aber sehr liberal gehandhabt.

Übergreifend zeigten sich Parteien und Frauenverbände am Sonntag glücklich über das vorläufige Ergebnis. Noch nicht in die Hochrechnung einbezogen waren die Ergebnisse des Kantons Wallis. Zu dem Referendum waren 4,7 Millionen Stimmberechtigte aufgerufen. (sda) - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 3.6.2002

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