Regierungskrise in Kanada vertieft sich nach Finanzminister-Rauswurf

3. Juni 2002, 16:13
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Machtkampf bei den Liberalen auf dem Höhepunkt

Ottawa - Eine seit Wochen anhaltende Führungskrise der Liberalen in Kanada ist durch die Entlassung des populären Finanzministers Paul Martin weiter vertieft worden. Damit erreicht der innerparteiliche Machtkampf bei den seit neun Jahren regierenden Liberalen einen neuen Höhepunkt. Premierminister Jean Chretien hatte Martin, seinen schärfsten Rivalen im Kampf um die Parteiführung, am Sonntag durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten John Manley ersetzt.

Martin, der als treibende Kraft des kanadischen Wirtschaftsaufschwungs der letzten Jahren gilt, kündigte an, im Parlament und auch in der Partei weiterhin seine politischen Ziele zu verfolgen. Der 63-jährige hatte nach Angaben kanadischer Zeitungen hinter den Kulissen daran gearbeitet, seine Machtbasis für den im kommenden Jahr anstehenden Wahlparteitag der Liberalen zu stärken, um den 68-jährigen Chretien ablösen zu können.

Die Rivalität zwischen den beiden Politikern geht auf das Jahr 1990 zurück, als sich Chretien im Machtkampf um die Führung der Liberalen gegen Martin durchsetzte. Der Minister hatte jetzt einen Fonds zur Unterstützung seiner Bewerbung um die Parteiführung und die Ablösung Chretiens als Premierminister gegründet, in den bereits Hunderttausende von Dollar geflossen sein sollen.

Chretien hatte mehrfach die Einstellung derartiger Aktivitäten gefordert. Erst vor einer Woche hatte er seinen Verteidigungsminister und seinen Minister für öffentliche Dienste im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen gegen die Regierung entlassen. Hinweise auf die Vergabe lukrativer Aufträge an Förderer der Liberalen Partei in der Wirtschaft sollen von Gegnern Chretiens um den entlassenen Finanzminister an die Medien weitergeleitet sein worden, berichtete am Montag die Zeitung "National Post". Die Opposition forderte unterdessen eine umfassende Aufklärung aller Hinweise auf Korruption im Regierungslager. (APA/dpa)

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