Die Verleugnung einer Opferkindheit

6. Juni 2002, 19:02
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Ein Schlüsselstück über FP-Generalsekretär Peter Sichrovsky reüssiert in Washington

Washington - Das kürzlich im Theater J im Washingtoner Jewish Community Center uraufgeführte Theaterstück von Ari Roth heißt Peter und der Wolf: Peter ist Peter Sichrovsky; der "Wolf" steht für Jörg Haider. Das Stück basiert auf Sichrovskys Wandlung vom vehementen Haider-Gegner zu dessen Verteidiger. In einem Einleitungsbrief schreibt der Autor: "Wie ehrlich sind wir mit unseren Feinden? Mit uns selbst? Wer sind dieser Tage die Wölfe, und wie begegnen wir unserem Zorn?"

Roth stellt das Stück einer Wiederaufführung von Schuldig geboren gegenüber, das in seiner Bearbeitung bereits 1989 in Washington seine Uraufführung erlebte. Wie Roth im STANDARD-Interview erklärte, habe ihn "interessiert, was mit diesem Mann geschehen ist, wie sich er und sogar das ganze Land verändert haben".

Vor vielen Jahren sei Sichrovsky, den er als "ehemaligen Freund" bezeichnet, ein wichtiger Einfluss in seinem Leben gewesen. Zerworfen habe man sich bei Verhandlungen über eine mögliche Verfilmung von Schuldig geboren. Trotzdem sieht Roth das neue Stück, in dem etwa die Hälfte des Dialogs aus tatsächlichen Zitaten des FPÖ-Generalsekretärs besteht und die andere Hälfte "dem Rhythmus seiner Worte folgt", nicht als Abrechnung mit seinem Exgönner, sondern nur als Versuch einer Erklärung von Handlungen, die für viele noch immer unverständlich sind. Obwohl er sich bewusst sei, dass "Sichrovsky immer konservativ, immer rechts" gestanden hatte.

Roth sieht die Wurzel von Sichrovskys Problemen auch in dessen Beziehung zu seiner Familie: "Irgendwann hat er sich ganz einfach geweigert, nur als Kind des Holocausts angesehen zu werden." Sichrovsky, der zur Uraufführung nach Washington flog, habe ihm erklärt: "Das ist genauso ein Stück über dich wie über mich." Wobei ihm die Washington Post Recht gibt: "Was geht in Roths Leben vor, das sein Bedürfnis, Sichrovsky sich erklären zu lassen, so zwanghaft macht?"

Die Washington Post widmete den beiden Stücken zwei Artikel. Der zuerst erschienene trägt den Titel: "Monster im Spiegel", und der folgende über Peter und der Wolf wird als "Jagd auf unbehagliche Antworten" bezeichnet.

Der eng mit Österreich verbundene Historiker Steven Beller besuchte beide Abende und beurteilt das Projekt wie folgt: "Es ist ein mutiges, oft sogar brillantes Stück, das im Grund all die richtigen Fragen stellt. Aber es ist auch ehrlich genug, zuzugeben, dass es nicht alle Antworten hat. Was man aus ihm entnimmt, ist, dass jeder ein Problem mit seiner Vergangenheit hat." (Susi Schneider/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)

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