Sigrid Löffler verteidigt Walsers Roman

2. Juni 2002, 21:10
1 Posting

"Weder antisemitisch noch ein Skandal" - Kritikerin zweifelt an Motiven des FAZ-Herausgebers

Köln - In der Debatte um Martin Walsers "Tod eines Kritikers" hat die Literaturkritikerin Sigrid Löffler den Autor gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigt. Sie habe keine antisemitische Absicht finden können, erklärte Löffler am Sonntag in der Sendung "Kulturfragen" des Deutschlandfunks. Auch wenn man literarisch viel gegen den Roman einwenden könne, halte sie das Buch weder für antisemitisch noch für einen Skandal.

Die Hauptrichtung des Romans sei gegen "die Medienfigur, den Medienscharfrichter Ehrl-König gerichtet, gegen diesen Dompteur des Literaturbetriebs", dessen Vorbild Marcel Reich-Ranicki "übertrieben, überzeichnet und somit zur Kenntlichkeit entstellt" werde. In einer Satire sei das aber erlaubt, meinte Löffler.

In den Diskurszusammenhang des Antisemitismus werde die Öffentlichkeit durch die Medienkampagne und die lautstarke Vorverurteilung des Romans erst gezwungen, meinte Löffler. Als Literaturkritikerin plädiere sie demgegenüber für eine unvoreingenommene Lektüre des Textes.

"Timing verrät genaues Kalkül"

Löffler griff auch den Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, scharf an. Sie bezweifele, dass Schirrmacher aus moralischen Motiven und ehrlicher Entrüstung handle: "Das Timing verrät ein genaues Kalkül." Mit dieser Kampagne nun Profit aus der Möllemann-Debatte schlagen zu wollen, sei fahrlässig. "Meinungen von Figuren sind ein total anderes Feld als die politische Rede zumal in Vorwahlzeiten. Dass diese Hysterisierung nun umgelenkt wird auf einen nicht einmal veröffentlichen literarischen Text, den kein Leser selbst überprüfen kann, halte ich für bedenklich."

Walsers Roman und die Äußerungen eines Jürgen Möllemann (FDP) in Deutschland oder des früheren FPÖ-Obmanns Jörg Haider in Österreich sind nach Ansicht Löfflers nicht vergleichbar. Im Zusammenhang mit den Vorverurteilungen des Romans warnte die Literaturkritikerin auch vor der inflationären Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs in den Medien. Wer zu oft "Feuer" schreie, stumpfe die Öffentlichkeit ab. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.