Hört die Deflations-Signale

4. Juni 2002, 17:02
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An den internationalen Märkten ist von der Aufbruchstimmung nichts mehr zu spüren - Gastkommentar von Michael Margules

Noch vor wenigen Wochen schien die Börsen-Welt wieder in Ordnung zu sein. Doch mittlerweile ist von Aufbruchsstimmung an den internationalen Finanzplätzen nichts mehr zu spüren: Der Konjunkturoptimismus ist vor dem Hintergrund der Ungewissheit über den wirtschaftlichen Aufschwung verebbt, nachdem die Investitionstätigkeit der Unternehmen trotz rekordtiefem Zinsniveaus ausbleibt. Die politschen Brandherde sorgen mehr denn je für jene von Börsianern so verhaßte Verunsicherung. Dazu kam der Mißbrauch am dem kostbaren Gut „Anlegervertrauen“, insbesondere im Mutterland aller Börsen, den USA. Da wurde entweder durch simplen, aber gigantischen Betrug, wie im Fall Enron – wo übrigens auch politisch noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist.... –, oder durch habgierige Optionenprogramme an Mitarbeiter – und dies obendrein geschönt mittels Bilanzverschleierung –, jegliches Börsenfeingefühl mit Füssen getreten. Und das letzte Quentchen börsianischer Hoffnung in Form von steigenden Unternehmensergebnissen läßt weiterhin auf sich warten.

Wie lange noch?

Einzig der Konsument in den Vereinigten Staaten und zum Teil auch in Europa (Großbritannien, Frankreich) hält das zarte Pflänzchen „Wirtschaft“ weiterhin am sprießen, doch man fragt sich wie lange noch? Dies um so mehr, als gleichzeitig ein jahrzehntelanger Rohrkrepierer, nämlich Gold, auf einmal nahezu täglich mit neuen Jahreshöchstständen brilliert. Zufall? Mittanten und-nichten, wie Altmeister Farkas zu sagen pflegte. Gold hat zwar längst nicht mehr jenen alteingesessenen Anti-Inflations-Charakter, und auch der Faktor „Kriegsgefahr“ und damit Hedge gegen das politische Risiko darf als vernachlässigbar angesehen werden. Aber die Konturen des in Japan seit mehr als einem Jahrzehnt für wirtschaftliche und dementsprechende Börsentristesse sorgende Gespenst der Deflation wird vor allem in den USA immer deutlicher zu erkennen.

Diskret behandelt

Man fragt sich, wieso dies medial-politisch bis dato so diskret behandelt wird. Einerlei: für die traditionelle Börsenlandschaft in Amerika und Europa lautet deswegen das Motto weiterhin „mau“, während Gold(zertifkate) und auch Emerging Markets à la Russland oder Korea weitaus chancenreicher wirken. Und: Japan wird nicht nur während der Fußball-Weltmeisterschaft für Überraschungen sorgen.

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint ab sofort wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at.
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