Angst vor Online-Blackout in Europa wächst

3. Juni 2002, 13:30
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Betriebseinstellung von KPNQwest hätte "verheerende Auswirkungen" auf gesamten Internetbetrieb

Der wirtschaftliche Zusammenbruch von KPNQWest, einer der größten europäischen Internet- und Glasfasernetzbetreiber, kann auch zu einem flächendeckenden Kollaps des gesamten Internetbetriebs führen. Diese handfeste Konsequenz des am Freitag in den Niederlanden angemeldeten Konkurses wurde über das Wochenende immer deutlicher. Besonders alarmiert hat Kunden des Providers eine Warnung am Donnertagabend, sie mögen sich nach Alternativen für den Fall eines "signifikanten Abfalls" der Netzleistung umsehen.

Hunderttausende

Von einem Ausfall des KPNQWest-Netzes quer durch Europa und Österreich wären nicht nur die Kunden des Unternehmens unmittelbar betroffen, sondern auch Hunderttausende andere Internetbenutzer, die direkt oder indirekt über Dienste des Internetbetreiber verbunden werden, ohne dies je zu bemerken. Der Anteil von KPNQWest am europäischen Datenverkehr liegt bei 20 bis 25 Prozent, schätzen Experten.

Nicht unverwundbar

Chello, der Internetdienst von UPC Telekabel, warnte seine Kunden Sonntag vorsorglich, dass es "europaweit zu einer Verlangsamung des gesamten Internets kommen wird". UPC, das seinerseits in den vergangenen Wochen Gegenstand von Berichten über eine mögliche Insolvenz war, nutzt KPNQWest-Leitungen ("Backbone") für seine europaweiten Verbindungen.

Verheerenden Auswirkung

"Eine Betriebseinstellung von KPNQWest hätte für einen längeren Zeitraum zumindest eine recht verheerenden Auswirkung auf den Internetbetrieb in Europa", erklärt der Internetexperte Michael Vesely, früherer Geschäftsführer von Nextra (im Konzern der norwegischen Telenor), gegenüber dem STANDARD.

Ein Unterbruch eines Teils des Netzes wäre einem Unfall auf der Autobahn vergleichbar: Ein Stau entsteht zunächst bei der Unfallstelle, aber die folgende Umleitung überlastet andere, schwächere Routen, die im Extremfall ihrerseits zusammenbrechen können. "Simulationen von US-Forschern haben gezeigt, dass die Annahme von der Unverwundbarkeit des Internets ein Mythos ist. Ein Verlust von Hauptknoten des Datenverkehrs würde große Teile des Internets lahm legen", beschreibt Vesely.

"Verbindungen mit Lichtgeschwindigkeit"

Die Kundenliste von KPNQWest nennt so prominente Unternehmen wie Nokia, das über die Leitungen des Providers 56 Büros in 13 europäischen Ländern ebenso verbindet wie Millionen Teilnehmer der "Nokia Games" im Internet. Der PC-Hersteller Dell gehört ebenso zum KPNQWest-Klub wie Microsoft oder der Vorarlberger Leuchtenkonzern Zumtobel, die sich alle auf "Verbindungen mit Lichtgeschwindigkeit" (Unternehmensslogan) und garantierte Ausfallssicherheit verließen.

Unsicherheit in .at

Heimische KPNQWest-Kunden leben derzeit mit der Unsicherheit, wie es mit der Tochter des niederländischen Konzerns weitergeht. In Österreich ist das Unternehmen im Wesentlichen eine Art Internet-Reseller, der seine Kunden mit Leitungen, Datendiensten (wie das Einstellen von Servern in eigenen Rechenzentren) und einer Schnittstelle zum europäischen Netz versorgt. In Österreich erwirtschafte man ein positives Betriebsergebnis, erklärte Geschäftsführer Franz Schiller schon vor einigen Tagen gegenüber dem STANDARD. Allerdings hat der Provider im vergangenen Jahr unter dem Profitabilitätsdruck des Konzerns zahlreiche Mitarbeiter abgebaut.

Konkurrenzangebote

Nach Berichten von KPNQWest-Kunden versuchten alternative Provider am Freitag bereits, diese Unternehmen abzuwerben.

Umstieg

Ein Umstieg sei in der Praxis nicht so einfach und schnell zu bewerkstelligen, wie dies theoretisch möglich sei: Denn nicht nur sind Leitungen von einem anderen Anbieter erforderlich, sondern eine Vielzahl anderer Maßnahmen, erklärt Alexander Mitteräcker, Vorstand von derStandard.at, dessen Onlineangebote von KPNQWest gehostet sind.

"Ohne Unterbrechung ist das kaum durchführbar"

So müßten die Server - jene Computer, auf denen Inhalte gelagert sind und die Anfragen von Onlineusern beantworten - gewechselt werden, die jetzt bei KPNQWest installiert sind. Darüber hinaus müssten die IP-Adressen - jene vielstelligen Ziffern, mit denen der Datenverkehr im Internet gelenkt werden - geändert werden. Auch zahlreiche Mitarbeiter, die über Teleworking an der Produktion beteiligt sind, müssten ihren Internetprovider wechseln. "Ohne Unterbrechung ist das kaum durchführbar", sagt Mitteräcker. "Die Frage ist, für wen wir dann noch online sind, denn es gibt in so einem Worst-Case-Szenario kaum noch jemand, der online ist." (Helmut Spudich - Der Standard Printausgabe)

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