Bis das Spiel ins Verbrechen kippt

2. Juni 2002, 19:50
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Sebastian Nüblings Inszenierung von Edna Mazyas "Die Schaukel" bei den Festwochen

Wien - Hier, im Hinterhof des Wohnblocks oder am verlassenen Sportplatz des Außenbezirks, ist Jugend ein Verlustgeschäft. Das Alter gibt nicht nach: Man ist fünfzehn oder siebzehn und - wenn auch in einer Gruppe, so doch - mit dem diffusen Druck, der Unkenntnis, der Unsicherheit des Heranwachsens allein. Dagegen hält man dann zumindest Insignien des jugendlichen Alters: DocMarten's, Tatoos, Silberschmuck. Sebastian Nübling (42), Regisseur des Jugendstücks Die Schaukel, brauchte sie nur an den jungen Körpern seiner Schauspieler abzulesen. Und diese dann zu bitten, für die Vorstellung doch die Ketten anzulegen:

Boris Brüderlin, Michael Koch, Mathis Künzler und Dominik Leuenberg spielen Benz, Sela, Coolik und Gidi, vier Burschen, die infolge eines nicht ganz harmlosen Machtspiels ein fünfzehnjähriges Mädchen (Sarah Bühlmann) vergewaltigen.

Reale Vorlage

Die israelische Autorin Edna Mazya hat das Stück 1993 nach einem realen Gerichtsfall geschrieben. Seither wurde es im deutschen Sprachraum vielfach inszeniert, und diese Inszenierung, meinte sie, sei eine der gelungensten. Nüblings schwyzerdeutsche Adaption am Jungen Theater Basel (ab 14 Jahren) gastiert nun beim forumfestwochen ff im dietheater Künstlerhaus (noch am Montag, 20 Uhr).

Nübling zählt man mit seinen knapp 42 Jahren jetzt - nach Inszenierungen in Stuttgart, Hannover und Basel (Einladung seiner Ibsen-Arbeit zum heurigen Berliner Theatertreffen) - zu den Shootingstars unter den neuen Regisseuren. Die Schaukel ist nicht das beste Beispiel dafür, aber Beweis für einen, jeder billigen Mode abholden Theaterdenker.

Die ineinander verzahnten Sportplatz- und Gerichtsszenen ergeben ein kleines "Sportstück": Die Teenies schaukeln mit aller Wucht bis an die Decke des Theaters und über die Zuschauerköpfe, laufen im Kreis, hüpfen zur Musik von Lars Wittershagen oder Metallica. Das Mädchen mit dem neckischen Kopftuch hat ihr Motorradmagazin (!) im Röckchen stecken. "Ziggi?" bedeutet, ob man eine Zigarette will. "Willscht mit mia knutscha?" soll heißen: Ich benehme mich zwar ganz anders, aber eigentlich finde ich dich toll und will dich küssen. Bis das Machtspiel ins Verbrechen kippt.

Eine ungewöhnliche Wahl, doch plausibel: Die forumfestwochen-Reihe haftet für Stücke, die hart am Leben stehen; sie bezwingt die Realität mit unprätentiöser, konkreter Theaterkunst, an der man tatsächlich lernen kann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 6. 2002)

Von
Margarete Affenzeller

Noch am 3. 6.
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