Der Literaturbetrieb als Hort der Klischees

2. Juni 2002, 20:21
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Ist Martin Walsers Posse überhaupt noch rezensierbar?

Richard Reichensperger

Ist Martin Walsers Posse auf den Literaturbetrieb, Tod eines Kritikers, überhaupt noch rezensierbar? Wie lässt sich ein Buch, das erst in Form von Fahnen vorliegt, überhaupt noch lesen, wo doch eine Lesart - von mehreren möglichen - im Gefolge der Hauptvorwürfe des FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher - dem sich jetzt Marcel Reich-Ranicki anschloss - massiv im Raum steht? Antisemitische Klischees dominierten, so Schirrmacher: Marcel Reich-Ranicki werde in der Gestalt der Hauptfigur des Schlüsselromans, André Ehrl-König, boshaft attackiert, ja ermordet (Anm.: stimmt nicht), ihm würden "Verneinungskraft" und "Herabsetzungslust" vorgeworfen, seine Sprechweise parodiert.

Nun: Ist das antisemitisch? Kann sein, muss aber nicht unbedingt sein - das hängt von Kontexten ab: "Verneinungskraft" etwa war für die deutsche Aufklärung das höchste Intellektuellenlob, für den Völkischen Beobachter aber "typisch" für das "zersetzende Judentum".

Wie weit muss man sich auf solche Fragen einlassen? Das Buch selbst zwingt einen dazu. Für eine gerechtere Basis der Debatte sei aber hier endlich einmal der Roman vorgestellt: Welchen Kontext schafft Martin Walser selbst?

Beabsichtigt war, das zeigt die Verknüpfung von Motiven und Themen auf den 153 Seiten, ein Angriff auf den deutschen Literaturbetrieb. Auf die Vernetzung und Machtareale, wo sich die Gefeierten gegenseitig protegieren und weiter feiern. Viele kommen vor, namentlich oder nur schwach verschlüsselt: Vom Verleger Unseld (er stirbt im Roman) über die Großkritiker (Joachim Kaiser, Reich-Ranicki) bis hinunter zu den erfolglosen Autor/innen. Ein Hauptteil zielt nun auf das Machtspiel im Literarischen Quartett und dessen Dirigenten Reich-Ranicki. Die Seiten, in denen Walser literarisch die dort praktizierte Art der Kritik attackiert, sind noch die besten: Der Hauptkritiker Ehrl-König setzt sich hier auf einen Stuhl mit Zeus-Symbolen (Adler und Blitz), vor Buchrücken, die auch gleich sein Literaturverständnis festlegen: Faust, Effi Briest, Zauberberg. Praktiziert würde in diesen "Sprechstunden"-Sendungen nur die "Daumen rauf/Daumen runter"-Kritik, wofür der Großkritiker von den "DAS-Chorknaben" (= FAZ) so gelobt werde, denen auch die Sexualisierung der Literaturbewertung in dieser Art von Kritik nichts ausmacht.

Masse und Macht

"Macht" ist hier das Thema, und die "Herabsetzungslust" muss man nicht unbedingt als "antisemitisches Klischee" sehen: Elias Canetti stellte in Masse und Macht äußerst luzide dar, dass Urteilen und Verurteilen das Machtgefühl vergrößert, weil es über die Beurteilten erhebt.

Welche Aggressionen die Macht freisetzen kann, zeigt die Handlung des Romans: Ein gekränkter Autor wirft, betrunken, Ehrl-König auf der Verlegerparty nach einer Sendung an den Kopf: "Ab heute Nacht null Uhr wird zurückgeschlagen!" und gerät dafür unter Mordverdacht (doppelt zu Unrecht, denn Ehrl-König wird nicht ermordet).

Dass dieser Satz aus dem "Hitlerdeutsch" nach dem Überfall auf Polen kommt, wird im Buch selbst erwähnt. Sonst aber fehlt fast immer die Reflexion auf das eigene Tun und die eigene Sprache: Gefährlich wird das etwa, wenn Walser seine berechtigte Kritik an der Sexualisierung der Kritik auf die Biografie des Kritikers legt und diesem perverse sexuelle Neigungen zuschreibt: Das war nun wirklich ein antijüdisches Klischee der Nationalsozialisten. Schade um dieses Buch: Es hätte eine Kritik der Kritik werden können. Es denkt aber über sich selbst und Klischees zu wenig nach.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 6. 2002)

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