Die breit gewordene Spitze

3. Juni 2002, 14:36
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Das experimentell- elektronische Musikfestival "Phonotaktik.02" hinterließ einen zwiespältigen Eindruck

Am Sonntag ging die "Phonotaktik.02" zu Ende und hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Ein paar Impressionen dieses experimentell-elektronischen Musikfestivals.


Wien - Die schönsten Momente waren die intimen. Ephemere, subjektive Höhepunkte, in denen die Musik und die ausgesuchten Räumlichkeiten in denen sie aufgeführt wurde, zu verschmelzen schienen und die Geräusche aus dem Laptop, die diese "Symbiose" ermöglichten, plötzlich Sinn machten. Die in New York lebende Japanerin Keiko Uenishi bat am Donnerstag ihr Publikum in einen etwa 25 Quadratmeter kleinen Raum, um dort für höchstens zwölf Personen individuelle Klangmodelle zu errichten.

Lauschige Sounds, die den verdunkelten Raum in einen hermetischen Mikrokosmos verwandelten, dem Publikum so die Konzentration und die Hingabe erleichterten und vergessen ließen, dass man sich im Ares-Tower, 19 Stockwerke hoch über der Donau, befand.

In der Etage darüber "duellierten" sich zur selben Zeit der österreichische Easy-Listening-Miniaturen-Schöpfer Curd Duca und sein amerikanischer Kollege Charles Cohen: Laptop-Ambient gegen analog generierte Sounds an der Grenze zur Wahrnehmung. Diese Vorstellung unterstrich den hinlänglich bekannten Lehrveranstaltungs-charakter, den viel Phonotaktik-Events - leider - auch heuer wieder hatten.

Angetreten war dieses zum dritten Mal in Wien ausgerichtete Festival, um eine Standortbestimmung experimentell-elektronischer Musik zu wagen. Ein Ausblick in die Zukunft sollte es sogar werden. Dafür verzichtete man auf so genannte "große Namen" im eher diffus präsentierten Programm, sondern hoffte auf Innovationen von weniger bis unbekannten Elektronik-Musikern.

"Schlepptop"

Allein diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Vielmehr offenbarte man ungewollt eine deutliche Stagnation. Der "Schlepptop" hat sich endgültig als Herrenhandtascherl der Elektroniker etabliert und war folgerichtig das bestimmende "Instrument", das Werkzeug des sechstägigen Festivals.

Die daraus generierten Sounds waren sattsam bekannt. Vom fein aufgelösten Ambient des Duos Vio- en & Mem, präsentiert im Palmenhaus, bis hin zum Beweis, dass man auch im Jahr 2002 noch Staubsauger- Sounds produzieren kann, wie sich Marcus Schmickler im wenig originell gewählten Lokal Rhiz bemüßigt sah zu demonstrieren, hatte das interessierte Publikum alles schon gehört.

Tröstlich waren die - zumindest teilweise - spektakulären Auftrittsorte, wie der erwähnte Ares-Tower, von dessen beneideter Dachterrasse das Publikum den Blick über Wien streifen ließ und zwischen Fachgesprächen immer wieder neuen Auftritten beiwohnen konnte.

Verheizt wurde dort leider schon am Nachmittag Luc Doebereiner. Dessen Sounds überzeugten neben bekannten Knarzen und Tuckern vor allem dadurch, dass er sich nicht scheute, einen originären Pop-Appeal in sein Set zu integrieren und damit sichtlich Publikumszuspruch erntete.

Als Reinfall entpuppte sich dagegen der als Star gehandelte Brasilianer DJ Dolores, der am Ende dieses Abends ein g'schertes Drum and Bass-Set präsentierte und damit auf einer Touristenstrand-Party in Rimini oder Ibiza besser aufgehoben gewesen wäre.

Die ohnehin schwammig formulierten Begriffe Definition, Transformation, Manipulation, Vision und Utopie, die man den einzelnen Festivaltagen als Arbeitstitel übergeordnet hatte, vermochte man nur mit viel Liebe und wohlwollender Gehirnakrobatik in den präsentierten Vorstellungen dingfest zu machen.

Vielleicht muss sich auch die experimentelle Elektronik damit abfinden, dass es ihr nicht anders ergeht als anderen Musikstilen. Die Anfang der 90er-Jahre begrüßte Vereinfachung und Demokratisierung der Herstellungs- und Produktionsmöglichkeiten entpuppt sich immer öfter als zweischneidiges Schwert: Nicht jeder Desktop-Musiker ist ein "Virtuose", Innovation nur eine subjektive Größe. Die einstige Speerspitze hat sich längst zur Plattform verbreitert, auf der sich nicht nur Genies tummeln, sondern auch weniger Begnadete und Trittbrettfahrer.

Resignation darüber wäre falsch, Einsicht hilfreich. Sonst lautet die Endstation noch Kunstgalerie: Und das kann es ja wohl nicht sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 6. 2002)

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