Das ästhetisierte Opernrätsel

2. Juni 2002, 19:59
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Benjamin Brittens Operngrusical "Turn of the Screw" bei den Festwochen: ein betörendes "Poetical"

Wien - Erklärt hat er das Stück nicht, Regisseur und Festwochen-Intendant Luc Bondy. Er hat Benjamin Brittens Oper The Turn of the Screw inszenatorisch mehr gestreichelt als analysiert und ihr Geheimnis wie ihre Vieldeutigkeit unangetastet gelassen. Aber wenn Offenheit, Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit so präzise anlegt sind, ist man fast dankbar, dass die Hermeneutik einmal Pause macht und man in den Genuss eines Gesamtkunstwerks kommt, bei dem sich Raum, Licht, Figuren und Musik elegant umarmen.

Brittens tief in die Psyche der Figuren vordringendes, aber sie nicht entschlüsselndes Operngrusical ist hier ein betörendes "Poetical", in dem die Geisterwelt, die sich der Kinderseelen zu bemächtigen droht, nur dezent, aber umso effektvoller für Bedrohung sorgt. Spannung kommt hier aus der poetischen Ruhe der Bilder; Bondy braucht nicht viel, um Angst und Hilflosigkeit zu porträtieren.

Der leeren, durch bewegliche hohe Wände begrenzte Raum (Bühnenbild: Richard Peduzzi) reicht im Ronacher schon aus, um die Schutzlosigkeit und Einsamkeit des Menschen grenzenlos erscheinen zu lassen. Er bietet keinen Halt in existenzieller Grenzsituation. Er produziert und betont vielmehr die Bedrängtheit der Figuren und ihr Zurückgeworfensein auf ihre eigenen Entscheidungen.

Den atmosphärischen Wirkungsrest besorgt eine durch Lichtzauber aufgelockerte Düsternis (Licht: Dominique Bruguière). Wo die Bühne geleert, dort fällt der Blick aber notgedrungen auf die Figuren, deren Zustände sich in einer bewussten, präzisen Gestensprache vermitteln.

Dunkle Seelen

Da sieht man eine Erzieherin (glänzend Mireille Delunsch), die zwischen Hoffnung und Konfliktfreude changiert; man sieht einen Jungen (Pablo Strong als Miles) und ein Mädchen (Nazan Fikret als Flora), die jene dunklen Seiten ihrer Seele raffiniert in Unschuld hüllen. Und erlebt, wie profund sich auch Marlin Miller (als Peter Quint), Marie McLaughlin (als Miss Jessel) und Hanna Schaer (als Mrs. Grose) in den Kampf um Kinderseelen einbringen.

Und man hört schließlich bei dieser Koproduktion mit dem Festival d'Art Lyrique d'Aix-en-Provence, wie Dirigent Daniel Harding zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra den suggestiven Raum mit einer Fülle an Farbschattierungen ausfüllt und die Innenspannung der Figuren musikalisch ausleuchtet. Berechtigter Applaus.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 6. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

Im Ronacher,
bis 7. Juni
  • Artikelbild
    foto: festwochen/carecchio
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