Das hübsche Opernkalb

2. Juni 2002, 20:12
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Nikolaus Lehnhoffs "Turandot"-Inszenierung in Amsterdam

Zu einem überwältigenden Erfolg wurde die von Regisseur Nikolaus Lehnhoff inszenierte und von Dirigent Riccardo Chailly geleitete Amsterdamer Neuproduktion von Puccinis "Turandot" - mit dem neu erstellten Werkschluss von Komponist Luciano Berio.


Im Nachhinein ist es beinah zu bedauern, dass die Salzburger Festspiele sich im Falle der Neufassung von Giacomo Puccinis Turandot durch Luciano Berio nicht (wie etwa im Fall von Schönbergs Moses und Aaron) der Amsterdamer Oper als Vorfertigungswerkstätte bedienen. Denn Riccardo Chailly hat die Klanggluten noch heißer und greller aufflammen lassen als während der konzertanten Uraufführung dieser Version im Jänner.

Und so wie Chailly gelang auch Nikolaus Lehnhoff als Regisseur das Kunststück, Luciano Berios neue Version des Schlusses in den Gesamtverlauf so glaubwürdig zu integrieren, dass man glauben könnte, das Ende des Werkes hätte schon seit seiner Uraufführung so und nicht anders geklungen. Das hat es natürlich nicht. Und das Amsterdamer Premierenpublikum hat dies sehr wohl registriert: Stieg der Jubel während und nach den ersten beiden Akten weit über die bei derlei Gelegenheiten üblichen Grenzwerte, so machte dieser nach dem Schluss einer freundlichen Verlegenheit Platz.

Denn die plakative Griffigkeit, mit der Franco Alfano nach Puccinis Tod den Schluss der Turandot aus den vorhandenen Skizzen erstellte, sucht man in Luciano Berios neuer Variante vergeblich. Auch er rekurriert auf Puccinis fragmentarische Entwürfe. Doch er kommt aus psychologischen Gründen zu anderen Ergebnissen: Anders als Alfano zweifelt er an der Möglichkeit eines Happyend. Wie kann es ein solches zwischen Turandot und Kalaf geben? Hat die Prinzessin doch nicht allein eiskalt den Tod zahlreicher Freier verschuldet, sondern auch den Lius, der ihm in unglücklicher Liebe ergebenen Dienerin von Kalafs Vater.

Also finden die beiden nicht wie in Alfanos Version in der Gloriole eines alles Vorherige vergessenden Glückes zusammen, sondern im düsteren Zwielicht der Sinnlichkeit. Plötzlich beginnen Kalafs entblößte Oberarme magisch zu leuchten. Und Turandot schält sich aus dem Kokon ihres Hofgewandes. Fleisch wird zum Argument, dem aber beide nicht ganz vertrauen.

Mahler und Wagner

Bei Berio ist musikalisch daher Expressionismus angesagt. Die harmonischen Auf-und Einbrüche, die Puccini mit Mahler, Wagner und Schönberg im Hinterkopf selbst schon zulässt, macht Berio zur Methode. Mit einem Bewusstseinsmix aus Schönbergs Gurreliedern, Mahlers 7. Symphonie und Wagners Tristan gelingt es Berio, die Ratlosigkeit zum Klingen zu bringen. Und am lautesten erschallt sie im Pianissimo, in dem das Werk verklingt.

Wenn sich dies in Spiel und Klang so intensiv ereignet wie in Amsterdam, spürt man natürlich nicht, dass dieses Werk an seinem Schluss stilistisch in geistig und atmosphärisch zwar angrenzende, letztlich aber doch fremde Zonen übergeleitet wird. Wie ein geklontes Kalb mit dem buschigen Schweif eines Esels.

Nikolaus Lehnhoff hat dieses Operntier jedenfalls gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Raimund Bauer und Andrea Schmidt-Futterer als diesmal tatsächlich mit gestaltende Kostümbildnerin bravourös gezähmt. Zwischen an allen drei Seiten der Bühne hoch aufragenden, grob genieteten roten Wänden lässt Lehnhoff das Geschehen auf eine, auch in ihren dunkleren Phasen überbelichtet wirkende balladeske Weise ablaufen.

Diese an mitunter an Wedekind erinnernden überklaren Aktionen korrespondieren zwar nicht in allen Phasen mit Puccinis Musik, nehmen dafür aber schon einiges von der Stimmung des Berio-Schlusses vorweg. Durch den bei- nah obsessiven expressiven Hochdruck, mit dem Chailly die Musik oft nicht mehr klingen, sondern explodieren lässt, wird diese latente ästhetische Deviation der szenischen Abläufe voll ausgeglichen. Nicht nur das: Geblendet vom Licht des orchestralen Feuers, merkt man nicht einmal, dass die beiden Hauptgestalten gar nicht so besonders überwältigend singen:

Die Partie der Turandot ist an sich schon keine dankbare. Doch Frances Ginzer lässt manchen Glanz ungesungen und beeindruckt vor allem am Schluss eher durch Spielintensität. Darin steht ihr Dario Volonté zwar nicht nach. Doch warum man Denis O'Neill, den brillanten Sänger der konzertanten Uraufführung, gegen ihn ausgetauscht hat, bleibt unerfindlich. Den größten Jubel erntete zu Recht Elena Kelessidi als überragende, in der Darstellung unsentimentale und gerade deshalb berührende Liu.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 6. 2002)

Peter Vujica
aus Amsterdam

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