Malaria: Tropenkrankheit im Vormarsch auf Europa

3. Juni 2002, 16:22
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Millionen Menschen sterben, weil sie keine Arzneien bekommen - die Medikamente sind zu teuer oder werden nicht produziert

Wien - Paris. Vier französische Staatsbürger erkranken an Malaria. Einer von ihnen stirbt wenige Stunden nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus, die anderen überleben.

Luxemburg. Eine Frau und ihr Sohn werden mit hohem Fieber ins Spital gebracht. Auch in ihrem Blut werden Plasmodium-Parasiten gefunden, ebenfalls von Anopheles-Mücken übertragen. Beide können geheilt werden.

Keiner der Betroffenen war vor dem Malariaausbruch in einem tropischen Land. Nicht die Krankheit, sondern ihre Überträger wurden über den internationalen Flugverkehr eingeschleppt. Die Mücken konnten kurze Zeit im europäischen Klima überleben. Und stechen.

Die laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zu den von der Pharmaindustrie mangels Profitaussichten "vergessenen Krankheiten" zählende Infektion bleibt keineswegs nur auf Tropenregionen, zumeist auf Entwicklungsländer, beschränkt. Die US-Seuchenkontrollstelle Centers for Disease Control meldet jährlich mehr als 1000 importierte Malariafälle in den USA, bis zum Fünffachen dessen wird für die EU angenommen. Mit steigender Tendenz. Allein Großbritannien registrierte im Vorjahr 2500 Fälle.

Krankheit grassiert in 100 Staaten

Laut Weltgesundheitsorganisation grassiert die Tropenkrankheit in gut 100 Staaten, die jährlich von 125 Millionen Reisenden besucht werden - bis zu 10.000 infizierten sich, schleppten Malaria in ihre Heimat ein. In Österreich werden laut Statistik Austria jährlich mehr als 100 Fälle behandelt, mindestens einer davon erfolglos.

Malaria ist alt. Im antiken Griechenland verschrieb Hippokrates Honig und Wasser, indigene Völker Südamerikas therapierten mit einem Extrakt des Cinchona-Baumes - später wird festgestellt, dass diese Rinde Chinin enthält: das erste moderne Malariamedikament.

Bis 1970 waren Pharmakonzerne interessiert, Arzneien zu entwickeln - aus kolonialen Gründen. Danach schwand das Interesse, die betroffenen, nun unabhängigen Länder waren arm, stellten keine lukrativen Märkte dar. Die Malaria erlebte ein fatales Comeback, bedroht heute 40 Prozent der Weltbevölkerung. Jährlich erkranken 500 Millionen Menschen, zwei Millionen sterben.

Die wenigen modernen Arzneien kosten laut Ärzte ohne Grenzen 20 Euro pro Behandlung, für die meisten Infizierten unleistbar. Daher wird das 1937 entwickelte Chloroquin um 21 Cent eingesetzt. In den meisten Malariagebieten sind die Erreger dagegen bereits resistent. (fei, DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2002)

Kala Azar, der "Schwarze Tod" Montagsgespräch zum Thema: 3. Juni, 19.30 Uhr Haus der Musik, Wien 1, Seilerstätte 30
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