Die gefährliche Bombe "Nationalstolz"

2. Juni 2002, 19:41
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Von Pervez Musharraf hängt wesentlich ab, ob es zum Krieg kommt - Pakistan-Kenner Hein Kiessling zeichnet ein differenziertes Bild des Militärmachthabers

Standard: Ein Viertel der hohen Offiziere und ein Drittel der Angehörigen des Geheimdienstes ISI hätten ausgeprägte islamische Überzeugungen, geben Sie an. Wie groß ist das Risiko, dass Pakistans Militär die Atombombe gegen Indien einsetzt?
Kiessling: Das ist ein sensibler Punkt. Im Offizierkorps herrscht - wie in jeder Armee - ein Korpsgeist, und der kann irrational werden. Man übersieht Realitäten. Nach meinem Dafürhalten hat die pakistanische Armee seit den Atomtests von 1998 nicht genügend Zeit gehabt zu lernen, wie gefährlich es ist, mit der Bombe zu leben. Das gilt ebenso für die Inder. Doch die Pakistani sehen die Atombombe nicht nur als politische Waffe, sondern sie sind in der Tat bereit, sie von einem gewissen Punkt an einzusetzen. Ein bekannter Atomphysiker in Islamabad hat mir einmal von einem Gespräch mit dem damaligen ISI-Chef erzählt, dem er das Gefahrenpotenzial darlegte und was dafür und dagegen spricht. Am Ende sagte der ISI-Chef: Herr Professor, so und so, schön und gut - "But the question of national pride, you didn't strive it at all."

STANDARD: Sie haben Pakistan unter den Regierungen von Benazir Bhutto und Nawaz Sharif erlebt und kennen General Pervez Musharraf persönlich. War es gut, dass er sich 1999 an die Macht putschte?
Kiessling: Ich sage ganz deutlich Ja. Ich habe lange über diese Frage nachgedacht. Ich kenne Pakistans Politiker, ich war noch letzten August drei Stunden im Haus von Benazir Bhutto in ihrem Exil in Dubai und kam beeindruckt heraus. Nur in politischen Fragen wird immer wieder klar, dass Pakistans Politiker das Land wie einen eigenen Besitz verwalten wollen. Eine demokratische Tradition gibt es nicht, und sie entwickelt sich auch nicht. Da braucht es einen Faktor, der echte demokratische Bemühungen fördert.

STANDARD: Und das war Pervez Musharraf?
Kiessling: Ich bin überzeugt, dass dieser Mann tatsächlich eine Grundlage für eine demokratische Entwicklung aufbauen will. Ob er es schafft, ist eine andere Frage. Geleistet hat er bisher zweierlei - er hat den Beginn einer permanenten Korruptionsbekämpfung gelegt und ein Programm zur Demokratieförderung angeschoben, das Devolutionskonzept, die Idee von einer "Demokratie von unten". Die Armee ist ein politischer Faktor, und sie muss in einem institutionellen Rahmen und über einen Zeitraum von vielleicht fünf Jahren auch ein politischer Faktor bleiben.

STANDARD: Eine Militärregierung, sollte man denken, wäre das geeignetste Regime, um politische Gruppen wie die Extremisten in Kaschmir mundtot zu machen. Warum geschieht das nicht - will Musharraf nicht oder kann er nicht?
Kiessling: Beides. Also mit Sicherheit kann er die politische Kehrtwende, die er mit Afghanistan machte, nicht einfach wiederholen. Die Abkehr von den Taliban konnte er durchsetzen, weil die Korpskommandeure erkannten: Wenn wir nicht mit den Amerikanern gehen, kommt das faktisch einer Kriegserklärung den USA gegenüber gleich. In Kaschmir ist das anders. Da kann Musharraf dieses Argument nicht geltend machen, denn die Amerikaner sind nicht selbst betroffen.

STANDARD: Was für ein "standing" hat Musharraf innerhalb der Armee
Kiessling: Hätte er auch in der Kaschmirfrage Tabula rasa gemacht und wäre umgeschwenkt, hätten die anderen Generäle nicht mitgezogen. Man hätte ihn nicht abgesetzt, sondern wohl zum Abschuss freigegeben. Musharrafs Überleben hängt mit von der Kaschmirfrage ab. Und dann geht es auch um das "Nichtwollen" der Leute um Musharraf: Es sind ja schließlich Militärs. Sie waren diejenigen, die die Kaschmirstrategie entwarfen und damit durchaus Erfolg hatten: Indien hatte Verluste, ist in die negativen Schlagzeilen gekommen, hat Truppen gegen eigene Landsleute in Kaschmir einsetzen müssen. Das wollen die natürlich nicht aus der Hand geben.

STANDARD: Teil der Kaschmirstrategie ist weiterhin, die Extremisten zu benutzen?
Kiessling: Ja sicher, ein direkter militärischer Schlagabtausch würde keine Lösung bringen. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass Pakistan dabei als Sieger hervorgehen würde. Also musste man sich eine andere Strategie ausdenken, hat Nachschub, Ausbildung, finanzielle Unterstützung von außen hereingebracht für Leute aus dem ganzen arabischen Spektrum, die sich diesen Djihadi-Gruppen angeschlossen haben. Die jeweilige Regierung - ob Bhutto oder Sharif -, das Militär, der Chef selbst wissen das, aber das sind Dinge, die er im Detail gar nicht wissen will. Das macht dann irgendeine Abteilung des Geheimdienstes.
STANDARD: Musharraf hat gerade erklärt, dass "von Pakistan kein Krieg ausgeht".
Kiessling: Wenn man ihm Details über Ausbildungslager vorlegte, könnte er sagen, dass dies ja "Azad Kashmir", also Pakistans Kaschmir betrifft, nicht das eigentliche pakistanische Staatsgebiet. Das kann man den Pakistani nicht einmal als Doppelzüngigkeit auslegen. Sie sind überzeugt, dass das legitim und moralisch gerechtfertigt ist.

DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2002)

Hein Kiessling vertrat 13 Jahre lang die deutsche Hanns- Seidel-Stiftung in Pakistan. Er leitete Entwicklungsprojekte der CSU-nahen Organisation und war Gesprächspartner zahlreicher pakistanischer Spitzenpolitiker und Militärs. Im Frühjahr kehrte er nach Europa zurück. Mit ihm sprach Markus Bernath.
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    Unwägbarer Partner: Die USA stellen sich Fragen über Pakistans Staatschef Musharraf

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