Wiens Börse als Höhenflieger

3. Juni 2002, 13:57
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In den ersten fünf Monaten des Jahres hat die heimische Börse die großen Marktplätze in den Schatten gestellt

Wien - "Langweilig, aber vorhersehbar": Nach diesem Motto haben die Anleger in den vergangenen Monaten ihr Geld an den Kapitalmärkten gerne angelegt. Davon hat die Wiener Börse profitieren können: Seit Jahresanfang kletterte der Wiener Leitindex ATX um 19 Prozent in die Höhe und erreichte schon nach fünf Monaten mit über 1300 Punkten den Stand, den viele Analysten und Händler dem Markt erst zu Jahresende zutrauten. Jetzt wagen sie sich noch weiter vor. So stark wie im ersten Halbjahr werde der Anstieg zwar nicht mehr sein, aber Potenzial, vor allem in einzelnen Werten, sei noch da.

Durchmarsch

Fritz Erhart, Fondsmanager der Capitalinvest: "Seit November ist der Markt in einem durchmarschiert und hat 1000 Punkte zugelegt, das sind etwa 35 Prozent." Er glaubt, dass Wien in diesem Jahr die Latte bei 1400 Punkten noch einmal überspringen wird.

Davon ist auch Wolfgang Matejka, Vorstand der Vontobel-Bank, überzeugt: "Wir waren eine Insel der Seligen. Die Qualität der Unternehmensergebnisse ist eindeutig top." Er bleibt auch gelassen, was das zweite Halbjahr angeht. In den vergangenen Jahren hatte der ATX im ersten Halbjahr immer zulegen können, im zweiten aber einen Großteil davon wieder abgeben müssen. Daran ist nicht zuletzt die mangelnde Liquidität des Marktes schuld. Denn alle großen Fonds hatten in den letzten Monaten des vergangenen Jahres Angst, ein investiertes Papier nicht mehr loszuwerden. Matejka erwartet heuer keinen massiven Absturz mehr. "Der Markt hat sich in Wien von einem Brokermarkt zu einem Investorenmarkt entwickelt." Im höchsten Fall könne bei einer Erholung der Konjunktur passieren, dass Wien den anderen Märkten gegenüber schlechter abschneidet. Allerdings ist der Vorsprung schon mal da: Der Dax rutschte von 5200 Punkten zu Jahresbeginn auf jetzt 4800 Zähler.

Vor allem biete sich selektives Einkaufen an, so Matejka. Unter seinen Favoriten scheinen der Maschinenbauer Andritz, der Kranhersteller Palfinger, Voestalpine und Telekom Austria auf.

Fritz Erhart gibt auch eine Wette auf einige Nebenwerte ab: den Gasmotorenspezialist Jenbacher, den Faserhersteller Lenzing, die Generali-Versicherung. "Sie erfüllen meine drei Prämissen: günstig, charttechnisch o.k., und es gibt Übernahmefantasie. Ein Potenzial von 50 Prozent und mehr ist nicht übertrieben." Weiters empfiehlt der Fondsmanager Bauholding, den Zuckerriesen Agrana, Verbund und Voestalpine.

Erhart managt seit zwölf Jahren den Capitalinvest Austria Stock. Akkumuliert legte er 250 Prozent zu, macht elf Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Der ATX stand 1990 bei über 1700 Punkten und ist heute mit 1300 Punkten deutlich im Minus. Der Dax legte im Vergleichszeitraum 200 Prozent zu. Was den Aufholbedarf in Wien zeigt. (Esther Mitterstieler, DER STANDARD, Printausgabe 3.6.2002)

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