Prüde und verlogen

2. Juni 2002, 19:28
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Heimische Manager versuchen ihre Gagen mindestens so gut zu bedecken wie ihren Unterleib - Von Karin Bauer

Selbst kultivierte Männer und Frauen behandeln Geldangelegenheiten so wie die Frage der Sexualität, mit derselben Widersprüchlichkeit, Prüderie und Verlogenheit", diagnostizierte Professor Freud vor fast einem Jahrhundert. In Bezug auf das Sexualleben mag es vielleicht einige Fortschritte gegeben haben, beim Geld sicher keine.

Heimische Manager versuchen ihre Gagen mindestens so gut zu bedecken wie ihren Unterleib. Das ist auch verständlich. Könnten sie doch mit einer Entblößung einerseits Neid, andererseits Mitleidslächeln erregen. Geld ist eben ein schwieriges Thema. Vermutlich reden sogar mehr Menschen miteinander über Sex als über ihr tatsächliches Einkommen.

Das Geheimnis sei auch allen unbenommen - außer Politikern, Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes und Chefs börsenotierter Gesellschaften. Denn sie haben sich gegenüber dem Geld anderer Leute zu verantworten. Aktionäre haben ein Recht darauf, sich ein exaktes Bild über die Entlohnung derer zu machen, denen sie ihr Vermögen anvertrauen. Das Argument, solche Veröffentlichungen würden nur die Neidgenossenschaft ernähren, zählt nicht. Denn getratscht wird sowieso, spätestens dann, wenn einmal im Jahr von einem bunten Magazin die Saläre "enthüllt" werden.

Warum sollen Unternehmensleiter öffentlicher Gesellschaften nicht zu ihrem Grundgehalt stehen, sich über wohlverdienten Bonus und aussichtsreiche Aktienoptionen freuen? Vielleicht steht ihnen ja sogar mehr zu, als sie erhalten? Dass (verunsicherte) Investoren Transparenz verlangen, ist verständlich. Allein das Beispiel der Deutschen Telekom, deren Vorstand sich im Vorjahr die Gagen verdoppelte, während die Aktionäre ihr Geld verloren, verlangt danach. (DER STANDARD, Printausgabe 3.6.2002)

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