Lafontaines Lücke

2. Juni 2002, 21:41
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Alexandra Föderl-Schmid über den SPD-Wahlparteitag

Der deutsche Kanzlerparteichef Gerhard Schröder hat sich auf dem SPD-Kongress bemüht, jene Aufbruchstimmung zu vermitteln, die die Genossen im Wahlkampf bisher vermisst haben. Selbst SPD-Wahlkampfmanager Matthias Machnig räumt "Mobilisierungsdefizite" ein. Die Erwartungen waren hoch, aber Schröder ist ihnen nur bedingt gerecht geworden. Obwohl er sich um linke Rhetorik bemühte, ist der Funke nicht richtig auf die Delegierten übergesprungen. Wie dies dann bei Wählern - vor allem Unentschlossenen - gelingen soll, ist erst recht fraglich.

Deutlicher denn je wurde auf diesem Parteitag, dass die SPD und ihr Vorsitzender ein Zweckbündnis und keine Liebesheirat eingegangen sind. Da die Umfragewerte nicht mehr so rosig sind, bröckelt diese Allianz. Erst jetzt - mit näher rückendem Wahltermin - wird deutlich, welche Lücke Oskar Lafontaine durch seinen Abgang im März 1999 hinterlassen hat. Das Duo Schröder-Lafontaine deckte im Wahlkampf 1998 ein viel breiteres Spektrum ab, als es der Kanzlerparteichef alleine vermag. Lafontaine sprach die traditionellen SPD-Anhänger an, Schröder die Wechselwähler.

Jetzt ruht alles auf Schröders Schultern, wie auch das völlig auf seine Person zugeschnittene Wahlprogramm deutlich macht. Ob aber Phrasen wie "Weil er das Leben liebt" als Motivation reichen, Schröder bzw. die SPD zu wählen, daran zweifeln auch in der Partei immer mehr. Für die Linken ist Schröder noch längst keine Identifikationsfigur; ob jene Wähler, die vor allem Helmut Kohl abwählen wollten, wieder der SPD ihre Stimme geben, ist die große Unbekannte. Schröder sagt von sich selbst, am besten kämpfe er mit dem Rücken zur Wand. In den nächsten 111 Tagen muss er dies unter Beweis stellen. Immerhin 82 Prozent der Deutschen äußerten am Wochenende in einer Umfrage die Ansicht, der Wahlausgang sei noch offen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2002)
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