FAZ-Herausgeber verteidigt Brief: "Keine andere Wahl"

4. Juni 2002, 11:08
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"Ich war so angewidert, dass ich nach Lektüre nicht mit dem Autor telefonierten konnte"

Hamburg - Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), hat erstmals seinen Vorgehen gegen Martin Walsers unveröffentlichten Roman "Tod eines Kritikers" verteidigt. Ihm sei keine andere Wahl geblieben, sagte er dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in einem Interview. Schirrmacher hatte in einem offenen Brief an Walser dessen Buch als "Dokument des Hasses" und "Mordphantasie" bezeichnet, die mit dem "Repertoire antisemitischer Klischees" spiele.

Falls die FAZ lediglich auf den Abdruck des Buches verzichtet hätte, hätte Walser diese Ablehnung auf den Einfluss von Marcel Reich-Ranicki - er dient als Vorbild für die Hauptfigur des Romans - zurückgeführt. "Ich musste also da etwas öffentlich unternehmen - um Reich-Ranicki zu schützen und einer Legende vorzubeugen."

Anstandsregeln

Den Vorwurf, mit der Vorabkritik eines noch nicht veröffentlichten Buches Anstandsregeln der Presse verletzt zu haben, wies Schirrmacher zurück. "Elementare Anstandsregeln sind durch das Buch verletzt worden, auch durch den naiven Versuch, ausgerechnet die FAZ zum Komplizen einer solchen Hinrichtung ihres eigenen Mitarbeiters zu machen", sagte Schirrmacher. Zudem sei das der FAZ vorliegende Manuskript vom Verlag schon autorisiert gewesen.

Schirrmacher betonte, dass er den Roman nicht schlechthin als ein antisemitisches Machwerk bezeichnet habe. "Ich sprach vom Spiel mit dem Repertoire antisemitischer Klischees." Die Mordfantasie des Schriftstellers im Roman richte sich primär "auf den Juden und nicht auf den Kritiker als solchen. So etwas ausgerechnet bei uns zu drucken, hielt ich für unverantwortlich." Auf die Frage, ob das Werk am besten überhaupt nicht erscheinen solle, antwortete der FAZ- Herausgeber: "Ich meine, das Buch soll veröffentlicht werden, wenn es jemand veröffentlichen will - wo auch immer."

Sein persönliches Empfinden gab Schirrmacher mit den Worten wieder: "Ich war so angewidert von diesem Buch, dass ich nach der Lektüre nicht einmal mit dem Autor telefonierten konnte". (APA)

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