Maler Neo Rauch in Maastrichter Museum

2. Juni 2002, 12:03
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Kritischer Chronist wider Willen - Soeben mit dem niederländischen Kunstpreis "Vincent" ausgezeichnet

Maastricht/Leipzig - Ungezählte Male ist die Malerei zwischen den Gedanken-Streichen blutleerer Konzept-Kunst und dem derzeitigen Boom von Video und Fotografie totgesagt worden. Welch packend neue Dimensionen diesem Kunstmedium dennoch abzugewinnen sind, das beweist der Leipziger Maler Neo Rauch. Soeben mit dem hoch dotierten niederländischen Kunstpreis "The Vincent" (50.000 Euro) ausgezeichnet, bedankt sich der 41-jährige Sachse mit einer am Sonntag eröffneten Ausstellung von rund vierzig seiner Gemälde im Bonnefanten-Museum von Maastricht (bis 7. Oktober). Nach jüngsten Präsentationen in rascher Folge in den wichtigsten Museen von Berlin, Frankfurt, Paris und New York zählt Rauch mittlerweile zu den auf- und anregendsten jüngeren deutschen Künstlern.

"Eine Art Kulturschock" erwartet Museumsleiter Alexander van Grevenstein allerdings bei seinen niederländischen Besuchern: Rauchs meist großformatige Gemälde, in denen sich Andeutungen des untergegangenen sozialistischen Realismus der DDR mit Elementen aus Comic und Werbegrafik der 50er Jahre zu surreal-beklemmenden Bildszenen fügen, sind "etwas ganz Fremdes, das kennen wir hier nicht".

"Selbstbezogenheit"

Beharrlich pocht der eher introvertierte Künstler darauf, dass die meist in stumpfen Gelb-, Rot- oder Brauntönen dargestellten Szenen gescheiterter Kommunikation und sinnloser Produktion ganz und gar seiner "Selbstbezogenheit" entspringen, weder ästhetisch noch politisch "subversiv" sein wollen. Doch mit den wie entrückt wirkenden Schilderungen traumwandlerischer Menschen, die permanent aneinander vorbeischauen, oder bei seiner Darstellung schon in Bildtiteln wie "Schicht" oder "Kühlraum" angedeuteten, völlig richtungslosen Tätigkeiten: Rauch trifft den Nerv einer postmodernen Gesellschaft, die Ideen und Utopien längst an die Beliebigkeit verloren hat.

Da werkelt im collagehaften Bild "Weiche" ein Mann grundlos mit der Spitzhacke, während eine Frau mit leerem Blick ein Fähnchen schwingt. Seltsame, unnütze Metallelemente baumeln in einer anderen Szene an gelben Kranwagen und werden in blutroten Erd-Narben verbuddelt. Alltagsdinge von der Gießkanne bis zum Auto sind als surreale Collagen bedrohlich verfremdet und oft schwebend in die Bildflächen eingefügt. Selbst im Zweikampf mit gekreuzten Speeren, wie ihn das exakt komponierte Bild "Tal" (1999) zwar zeigt (jedoch zugleich jeden Grund des Konfliktes verschweigt), gönnen sich die Kontrahenten keinen Blick. Die Pose ersetzt den Inhalt, die Behauptung die Aussage: Neo Rauch, der seine Bilder "in erster Linie als Malerei" interpretiert wissen möchte, ist - fernab jeder künstlerischen Mode und dennoch auf der Höhe der Zeit - ein kritischer Chronist auch wider Willen. (APA)

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